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Wanted: Richtlinien zum Umgang mit Interessenkonflikten an medizinischen Fakultäten

Studierende ziehen ihre Universitäten zur Verantwortung

Von Peter Grabitz und Zoé Friedmann, beide sind Mitglieder der Arbeitsgruppe Interessenskonflikte von Universities Allied for Essential Medicines

In Deutschland gibt es mehr als 90.000 Medizinstudierende. Alle zukünftigen Ärztinnen und Ärzte durchlaufen insgesamt mindestens sechs Jahre Vorklinik und Klinik an einer der 37 medizinischen Fakultäten des Landes. Während dieser langen Ausbildungszeit kommen sie immer wieder in Kontakt mit der Industrie: Im Jahr 2013 hatten nur 12 Prozent der Befragten noch nie ein Geschenk eines pharmazeutischen Unternehmens angenommen oder eine gesponserte Veranstaltung besucht. 65 Prozent der Studierenden erhielten mindestens ein kleines Geschenk, wie einen Stift oder eine Tasse, von einem Vertreter. Medizinische Fakultäten thematisieren und reflektieren die hieraus resultierenden Interessenkonflikte jedoch kaum.

Interessenkonflikte bestehen im medizinischen Kontext immer dann, wenn sekundäre Interessen das Wohl der Patienten als übergeordnetes Ziel unangemessen beeinflussen können. Diese sekundären Interessen beziehen sich zum Beispiel auf Eigeninteressen einzelner Ärzte, Fachgruppen oder ähnliches und können sowohl materieller als auch immaterieller Natur sein. Beispiele sind Honorare, Geschenke oder auch berufliche Anerkennung. Entscheidend ist jedoch, dass Interessenkonflikte Personen in ihrem Urteilsvermögen beeinflussen und dadurch zu verzerrten Handlungen führen können.

Interessenkonflikte entstehen häufig und unbewusst

Der psychologische Einfluss, den Geschenke der Pharmaindustrie auf Medizinstudierende haben, wird oft unterschätzt. Die Beeinflussung des Beschenkten geschieht zum größten Teil unbewusst und entzieht sich damit der eigenen Wahrnehmung. Nur knapp ein Viertel der Befragten halten es für wahrscheinlich, dass Geschenke ihr späteres Verordnungsverhalten beeinflussen. Im Gegensatz dazu glauben rund 45 Prozent, dass Geschenke das spätere Verordnungsverhalten ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen beeinflussen. Dieser „blinde Fleck“ ist nicht nur bei Studierenden erkennbar, sondern zeichnet sich auch bei bereits approbierten Ärzten ab.

An Schnittstellen zwischen Industrie und Universitäten sind Interessenkonflikte nicht immer vermeidbar. Teure Ausstattung wie Ultraschallgeräte können nicht zu Lehrzwecken von den Fakultäten angeschafft werden, stellen aber einen wichtigen Inhalt der medizinischen Ausbildung dar. Oft ist es schwierig, zwischen wissenschaftlich-informativer Veranstaltung unter Beteiligung der Industrie und Industrie-geführter Werbeveranstaltung klar zu unterscheiden. Daher müssen eine unabhängige, qualitativ hochwertige medizinische Ausbildung und Marketinginteressen von Industriepartnern gegeneinander abgewogen werden.

Auch Lehrende können Interessenkonflikten unterliegen: Beratungstätigkeiten oder bezahlte Vorträge für Industrieunternehmen sind im medizinischen Bereich keine Seltenheit. Dabei müssen Interessenkonflikte auf dem ersten Slide jedes Fachvortrages auf wissenschaftlichen Kongressen erklärt werden. Hingegen müssen dieselben Professoren und Professorinnen in ihrer langjährigen Lehrtätigkeit vor Medizinstudierenden in Vorlesungen und Seminaren kein einziges Mal ihre Interessenkonflikte offenlegen. Das ist weder konsequent noch einleuchtend.

Während im Forschungskontext in Deutschland Verbindungen zur Industrie zunehmend transparent gemacht werden müssen, fehlen vergleichbare Regelungen im Bereich der medizinischen Grundausbildung. Die Autoren Klaus Lieb und Cora Koch von der Universitätsklinik Mainz haben gezeigt, dass 2014 in Deutschland lediglich zwei medizinische Fakultäten Regelungen bezüglich Kontakten von Studierenden zur Industrie hatten. Einzelne Fakultäten haben zwar begonnen, Richtlinien einzuführen, ein Trend ist darin aber bisher nicht zu erkennen.

Gemeinsame Studie zu Interessenkonflikten

Aufbauend auf einem Pilotprojekt der American Medical Students Association (AMSA) in den USA führt Universities Allied for Essential Medicines (UAEM) zusammen mit der Vertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD) eine Studie durch und befragt die deutschen medizinischen Fakultäten hinsichtlich ihrer Regelungen und dem Umgang mit Interessenkonflikten. Die Ergebnisse werden anschließend in einem Ranking präsentiert. Der Vergleich basiert auf 13 klar definierten Kriterien (siehe Graphik Seite 11 unten). Das Ziel ist es dabei nicht, die Fakultäten für bestehende Interessenkonflikte anzuklagen oder schwarze Schafe ausfindig zu machen. Auch geht es nicht darum, die Zusammenarbeit von Universitäten und Industriepartnern zu unterbinden. Erreicht werden soll vielmehr ein reflektierter und geregelter Umgang mit Interessenkonflikten an deutschen medizinischen Fakultäten. Aus der Sicht von UAEM und BMVD stehen alle an der medizinischen Aus-, Weiter- und Fortbildung Beteiligten in der Verantwortung, sich mit dem Thema sowohl individuell als auch auf systemischer Ebene auseinanderzusetzen. Um zukünftige Mediziner und Medizinerinnen optimal auf einen professionellen Umgang mit Interessenkonflikten in der öffentlich-industriellen Zusammenarbeit vorzubereiten, ist die Thematisierung von Interessenkonflikten im Studium längst überfällig.

Um dem einen Anstoß zu geben und einen reflektierten Diskurs zu beginnen, werden bereits jetzt vor Abschluss der Studie auf der Website www.interessenskonflikte.de regelmäßig Blogeinträge und Interviews veröffentlicht, die die Thematik von unterschiedlichen Standpunkten aus beleuchten. Außerdem können Studierende auf der Seite eigene Erfahrungen, die sie während ihrer Ausbildung bezüglich Kontakten mit der Industrie gemacht haben, mitteilen. Die Intention ist, langfristig die Umsetzung von Richtlinien zu Interessenkonflikten zu bewirken und die Fakultäten konstruktiv bei der Formulierung zu unterstützen.

Projekte von Transparency Deutschland wie zum Beispiel Hochschulwatch.de, das Geldströme zwischen Industrie und Universitäten transparent macht, oder die Self-Audits zur Korruptionsprävention an öffentlichen Hochschulen werden somit um ein von Studierenden selbst initiiertes Ranking ergänzt. Obwohl Interessenkonflikte nur schwer vermieden werden können, müssen Beschädigungen der wissenschaftlichen Integrität und dem Patientenwohl entgegenstehende Faktoren erkannt, benannt und vor allem geregelt werden. Zurzeit wird die Datenerhebung über Fragebögen an die Dekanate der Fakultäten und eine standardisierte Webrecherche finalisiert. Die wissenschaftliche Publikation der Ergebnisse sowie des Rankings wird für Herbst 2018 angestrebt.