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Kahlschlag und Korruption: Schützt endlich den Wald!

Ein Gastbeitrag von Johannes Zahnen, WWF Deutschland

04.10.2025 – Die Wälder könnten einen essenziellen Beitrag im Kampf gegen die Klimakrise leisten. Stattdessen zählt Entwaldung mittlerweile zu den größten Treibhausgasquellen. Wichtige Faktoren sind dabei neben anderen Landraub, illegaler Holzeinschlag, illegaler Bergbau und Schmuggel, häufig in Kombination mit Korruption. Eine neue EU-Verordnung soll Abhilfe schaffen – könnte jedoch in ihr Gegenteil verkehrt werden.

Holzstapel
© freepik.com

Dieser Beitrag ist ursprünglich im September 2025 in der 106. Ausgabe des Scheinwerfer-Magazins zum Themenschwerpunkt Umweltkriminalität erschienen.


Eine Meldung hat mich in den letzten Wochen besonders aufgerüttelt: Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Aufforstung als Beitrag zur Rettung des Klimas nicht annähernd ausreichen wird.1 Damit bricht einer von nur drei entscheidenden Hebeln im Kampf gegen die Erderhitzung weg.

Es bleiben uns nur noch zwei dieser Optionen: Wir müssen CO₂ direkt an der Quelle vermeiden – und gleichzeitig unsere bestehenden Wälder wirksam schützen. Der Schutz bestehender Wälder hat dabei einen enormen Vorteil: Anders als bei Aufforstung tritt der positive Effekt sofort ein. Denn Entwaldung und Degradierung zählen selbst zu den größten Quellen für CO₂-Emissionen. Stoppt die Entwaldung, reduzieren sich sofort die von Menschen verursachten Treibhausgasausstöße. Ich habe einmal ausgerechnet, dass im Jahr 2000 die CO₂-Emissionen Indonesiens allein durch Entwaldung 54 Prozent aller Emissionen der gesamten EU entsprachen.

Zudem leben die meisten an Land lebenden Tiere und Pflanzen in den Wäldern. Entwaldung beschleunigt also nicht nur die Klimaerhitzung, sondern auch den rasanten Artenschwund – ein weiteres existenzielles Problem unserer Zeit.

Lange galten Aufforstungen als große Hoffnung2 und zweifellos machen sie weiterhin Sinn, wo ausreichend Flächen vorhanden sind. Doch um das CO₂ zu binden, das wir in die Atmosphäre abgeben, bräuchten wir eine Fläche, die rund 70-mal der Größe Deutschlands entspricht. Es wird schnell klar, dass solche Flächen nicht zur Verfügung stehen.

Ich bin jetzt seit über 23 Jahren beim WWF Deutschland aktiv und habe in dieser Zeit viele Ansätze gesehen und mitverfolgt, um die Wälder unseres Planeten zu retten. Tropenholzboykotte, Kooperationen mit Unternehmen, Sensibilisierungs-Kampagnen, zertifizierte Waldbewirtschaftung, Marktanalysen und forensische Methoden zum Aufspüren von illegalem Holz, Anzeigen bei Behörden und EU-Gesetzgebung zum Schutz der Wälder.

Bei so vielen Ansätzen müsste es doch möglich sein, den Raubbau aufzuhalten, dachte ich. Schließlich sollten doch alle Menschen ein Interesse an gesunden Wäldern haben – sei es wegen ihrer Schönheit, ihrer Bedeutung für Erholung, Möbel, saubere Luft, Trinkwasser und natürlich den Klimaschutz. Bei so vielen Gründen wäre es doch naheliegend, dass sich ein breites Bündnis für den Wald zusammenschließt. Ein Bündnis mit dem Ziel, Wälder entweder konsequent zu schützen oder zumindest so behutsam zu bewirtschaften, dass sie nicht immer kränker werden. So zumindest dachte ich – denn logisch wäre es.

Doch die Realität sieht anders aus: Trotz aller bisherigen Bemühungen hält der Schutz der Wälder nicht mit ihrer Zerstörung Schritt. Weltweit schwinden oder kränkeln die Wälder weiterhin. Obwohl sich die internationale Gemeinschaft seit Jahrzehnten verpflichtet, die Entwaldung zu stoppen,3, 4 ist bislang keine wirkliche Trendwende erkennbar – ganz im Gegenteil: Die jüngsten Zahlen des World Resources Institut zeigen sogar eine Zunahme der Entwaldung.5

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Ein entscheidender Grund ist die steigende globale Nachfrage nach Holz und die zunehmende Übernutzung der Wälder. Höherer Lebensstandard, verschwenderischer Verbrauch, aber auch der Trend, fossile Energieträger wie Öl, Gas und Kohle durch Holz zu ersetzen, treiben die Waldzerstörung weiter voran. Das betrifft auch die Wälder in Europa, die trotz des zunehmenden Klimastresses in einigen Ländern noch mehr Holz liefern sollen, anstatt sie zu entlasten. 6,7, 8, 9

Illegale Aktivitäten wie Korruption sind keine Seltenheit im Holzhandel

Ein weiterer wesentlicher Treiber der Entwaldung bleibt die Umwandlung in landwirtschaftlich genutzte Flächen. Dabei wird häufig übersehen, dass dabei oft illegale Aktivitäten im Spiel sind: Landraub, Bestechung und Korruption sind keine Seltenheit. Laut Interpol haben schätzungsweise 15 bis 30 Prozent des international gehandelten Holzes einen illegalen Hintergrund. In den Tropen, wo Entwaldung und Waldumwandlung besonders massiv stattfinden, sind es sogar zwischen 60 und 90 Prozent.

Aus diesem Grund begann ich vor über 15 Jahren, mich zunehmend auf den Bereich des illegalen Holzhandels zu konzentrieren. Dabei dachte ich: Hier müsste man doch wirklich etwas bewegen können! Als 2010 die Europäische Holzhandelsverordnung EUTR verabschiedet wurde, die illegales Holz und Holzprodukte vom europäischen Markt fernhalten sollte, war die Euphorie bei den Umweltorganisationen groß.

Mich interessierte besonders, welche Auswirkung diese Verordnung auf den Holzhandel haben würde und verfolgte die Implementierung der EUTR in Deutschland und in Europa sehr aufmerksam. Das Ergebnis ist schnell erzählt: Die EUTR ist weitgehend wirkungslos geblieben.10 In den ersten drei Jahren verhängte die deutsche Kontrollbehörde bei Verstößen durchgehend lediglich Geldbußen in Höhe von 50 Euro – häufig blieb es sogar bei Verwarnungen. Bis heute sind die Sanktionen so gering, dass sie keine abschreckende Wirkung entfalten – obwohl genau das in der EU-Verordnung ausdrücklich gefordert wird.

Seit 2013 hat es in Deutschland keinen relevanten EUTR-Fall mit spürbarer oder gar abschreckender Strafe gegeben – und in vielen anderen EU-Staaten sieht es ähnlich aus. In zahlreichen Marktanalysen stellte der WWF mithilfe von Laboruntersuchungen fest, dass Kalender, Papiertüten, Möbel oder Bauholz vielfach falsch deklarierte Holzarten und Holzherkünfte aufwiesen. Das ist zwar noch kein ausreichender Beleg für Illegalität, der Verdacht drängt sich aber sehr stark auf. Die Behörden hätten diese Hinweise aufgreifen und weiter ermitteln müssen.

Besonders eindrücklich war für mich der Fall um die „Gorch Fock“, das Segelschulschiff der Bundesmarine.11 Zwischen 2015 und 2017 wurden 280m³ Teakholz aus Myanmar importiert – weit mehr, als tatsächlich für das Schiff benötigt wurde. Wo der Rest des Holzes verblieb, konnte die Behörde nach eigener Aussage nicht klären. Das Holz entsprach nicht den Anforderungen der EUTR und der WWF fand Hinweise auf einen illegalen Hintergrund. Dennoch erhielt der Importeur, der bereits zuvor auffällig geworden war, lediglich eine Verwarnung wegen formaler Verstöße gegen die Dokumentationspflicht. Den konkreten Hinweisen auf Illegalität wurde bis heute nicht nachgegangen.

Was ist von der neuen EU-Verordnung zu erwarten?

Die Europäische Verordnung gegen Entwaldung (EUDR) soll künftig die EUTR ersetzen. Ihre Schwächen sollten behoben, Schlupflöcher gestopft werden. Nach jahrelangen Verhandlungen einigten sich Kommission, Rat und Parlament 2023 mit großer Mehrheit auf einen Kompromiss. Doch kaum war die Verordnung verabschiedet und mit viel Zuspruch begrüßt worden, regte sich Widerstand. In der Folge wurde die Umsetzung 2024 um ein Jahr verschoben. Seither sind zudem zahlreiche Erleichterungen für betroffenen Unternehmen geschaffen worden – allerdings nicht im eigentlichen Text der Verordnung, sondern in den sogenannten FAQ.

Inzwischen unternimmt die deutsche Bundesregierung einen neuen Verstoß: Durch eine sogenannte „Null-Risiko“-Kategorie soll Deutschland (und im Grunde auch der gesamte Rest der EU) von den Pflichten der EUDR ausgenommen werden. Der Vorschlag beruht auf dem Argument, dass es hierzulande keine Entwaldung gebe – also bräuchten wir auch keine Entwaldungsverordnung. Der Vorschlag: Länder, die seit 2019 nachweislich keine Waldflächen in andere Nutzungsformen umgewandelt haben, gelten als „Null-Risiko-Länder“ und werden von den Pflichten der EUDR befreit.

Die Begründung, dass Waldbesitzer hierzulande von der EUDR überfordert seien, erscheint nicht glaubwürdig.12,13,14 Zwar spricht der Titel der Verordnung von „Entwaldung“, doch im Kern untersagt sie gleichermaßen, Produkte aus Entwaldung, Waldschädigung oder mit illegalem Hintergrund auf dem EU-Markt in Verkehr zu bringen. Wird, wie nun vorgeschlagen, nur die Waldumwandlung betrachtet, könnten künftig auch Länder, in denen illegaler Holzeinschlag oder Walddegradierung nachgewiesenermaßen ein Problem sind, als risikofrei gelten. Aus Sicht des WWF würde die EUDR in der Praxis damit weitgehend wirkungslos.

Sollte die EUDR, die neben Holz etliche landwirtschaftliche Produkte umfasst, derart aufgeweicht werden, stünde es um den Waldschutz noch schlechter als zuvor. Denn mit Inkrafttreten der EUDR wird die alte Holzhandelsverordnung EUTR auslaufen. Damit droht der Verlust eines der wenigen verbliebenen und bislang vielversprechenden Instrumente zum Schutz der Wälder – und somit auch zum Schutz von Klima und Artenvielfalt. Von den bislang drei relevanten Instrumenten gegen die Klimaüberhitzung bliebe dann nur noch eins übrig.

Auf die Umsetzung in Deutschland kommt es an

Meine Bedenken in Bezug auf die EUDR beschränken sich aber nicht auf die deutsche Initiative zur Schwächung der Verordnung auf EU-Ebene. Neben einer praxistauglichen europäischen Regelung braucht es einen weiteren zentralen Baustein, um den Waldschutz wirksam umzusetzen: ein funktionierendes nationales Gesetz zur Umsetzung der Verordnung in Deutschland.

Die Erfahrung mit der EUTR hat gezeigt, dass die Bedeutung der Ausgestaltung dieses nationalen Gesetzes (in diesem Fall „Holzhandelssicherungsgesetz“; HolzSiG) nicht unterschätzt werden darf. Staatsanwälte berichteten, dass der im HolzSiG verankerte Straftatbestand so ungut formuliert sei, dass er sich in der Praxis kaum anwenden lasse. Dadurch fällt der Straftatbestand bei der EUTR in Deutschland seit 2013 faktisch aus.

Bis Ende des Jahres muss Deutschland nun ein neues nationales Gesetz zur Umsetzung der EUDR verabschieden. Der bisher bekannte Entwurf gab Anlass für Kritik der Umweltorganisationen. Auch hier besteht die Sorge, dass die Verordnung durch die nationale Ausgestaltung abgeschwächt werden könnte.

Mein Fazit nach über 20 Jahren Einsatz für den Waldschutz fällt deshalb ernüchternd aus. Obwohl die wissenschaftliche Faktenlage eindeutig ist und effektiver Waldschutz eine logische Selbstverständlichkeit sein müsste, sieht es in der politischen und behördlichen Praxis ganz anders aus.

Trotzdem setze ich weiter Hoffnungen in die EUDR. Sie bietet eine echte Chance. Daher hoffe ich von Herzen, dass der Schutz unserer Lebensgrundlagen endlich die Oberhand gewinnt über kurzfristige Profitinteressen und die Initiativen zur Abschwächung der EUDR – gerade auch jene aus Deutschland – scheitern. Sollte sich durch ein konsequentes Vorgehen illegaler Holzhandel in der EU nicht mehr lohnen, dann würde das auch der damit einhergehenden Korruption das Wasser abgraben.


Quellen

1 Aufforstung gegen die Klimakrise: Warum die Bäume (allein) uns nicht retten können | MDR.DE

2 The Bonn Challenge | Bonchallenge

3 New York Declaration on Forests - Forest Declaration Assessment

4 [ARCHIVED CONTENT] Glasgow Leaders’ Declaration on Forests and Land Use - UN Climate Change Conference (COP26) at the SEC – Glasgow 2021

5 Tropenwald-Zerstörung auf Rekordhoch: 6,7 Mio. Hektar in 2024

6 Den Wald als Kohlenstoffsenke erhalten – auch für die Klimaziele der EU: GFZ

7 Alles aus Holz? WWF-Studie fordert dringend Umdenken

8 Wälder werden Netto-CO2-Produzenten: Finnlands wackliger Wunschtraum | taz.de

9 Europas Wälder speichern immer weniger CO2 | MDR.DE

10 Lift it up - How to make the EU Timber Regulation (EUTR) 'fit for purpose' | WWF

11 REPORT MAINZ: Tropenholz auf der Gorch Fock - hier anschauen

12 Fakten gegen Mythen

13 BMLEH - Publikationen - Handreiche zur Anwendung der EU-Verordnung (2023/1115) über entwaldungsfreie Produkte (EUDR) in der Forstwirtschaft in Deutschland

14 EUDR: EU Sorgfaltspflichten in unter 5 Minuten ... - YouTube


Zum Autor

Der gelernte Tischler und Umweltingenieur Johannes Zahnen ist seit 2003 beim WWF Deutschland für die Themen Holz und Papier zuständig. Seine Arbeit gilt vor allem dem Kampf gegen illegal geschlagenes und importiertes Holz. In den letzten Jahren hat er sich verstärkt mit forensischen Methoden beschäftigt, die helfen können, illegales Holz aufzuspüren.