„Hinweisgeben ist ein erster Schritt, um Machtmissbrauch Grenzen zu setzen“
Interview mit einer Hinweisgeberin
23.06.2026 – Am 23. Juni ist World Whistleblower Day. Die AG Hinweisgeberschutz bei Transparency Deutschland setzt sich seit Jahren für mehr Hinweisgeberschutz ein. Anlässlich des Jahrestags hat Dr. Timm Ebner, unser Pressesprecher, eine Whistleblowerin interviewt. Warum sie anonym bleiben möchte, erklärt sie im Interview.
Timm: Du bist Hinweisgeberin gewesen. Kannst Du kurz schildern, worum es ging?
Whistleblowerin: Es gab schwere Vorwürfe von Mitarbeitern einer Partnerorganisation gegen einen leitenden Kollegen von mir. Üblicherweise wird dann eine Untersuchung eingeleitet, mit der ich beauftragt worden wäre. Aber hier wurde mir die Verantwortung entzogen und es fand keine Untersuchung statt. Nach mehreren internen Klärungsversuchen entschied ich mich zum Hinweisgeben.
Timm: Wenn Du nicht Hinweisgeberin gewesen wärst, hättest Du Dir vermutlich viel Stress erspart. Warum hast Du es dennoch gemacht?
Whistleblowerin: Es war keine leichte Entscheidung. Aber die Vorwürfe, um die es ging, waren wirklich schwerwiegend. Die Vorstellung, dass nichts dagegen passiert und sich der Machtmissbrauch ungehindert fortsetzt, hat mir wirklich den Schlaf geraubt.
Timm: Warum willst Du lieber anonym bleiben?
Whistleblowerin: Ohne Anonymität ging und geht es leider nicht. Wenn herausgekommen wäre, von wem der Hinweis kam, hätte ich meinen Job verlieren können. Zumal es ein Kollege in Führungsposition war. Es war eine belastende Erfahrung, mich arbeitsrechtlich angreifbar zu machen und im Geheimen agieren zu müssen, um die Werte zu verwirklichen, denen nicht nur ich selbst, sondern eigentlich auch meine Organisation verpflichtet ist. Gerade wegen des Arbeitsrechts, das Untergebene vom Führungspersonal abhängig macht, ist Anonymität für Hinweisgeberinnen und Hinweisgeber ein ganz wichtiger Schutz.
Timm: Bist Du froh oder bereust Du es, dass Du den Hinweis gegeben hast?
Whistleblowerin: Ich hatte eigentlich keine Wahl, ich hätte nicht mehr in den Spiegel schauen können, wenn ich das nicht gemacht hätte. Aber es war eine enorme emotionale Belastung. Hinweisgeben ist ein erster Schritt, um Machtmissbrauch Grenzen zu setzen, und das habe ich geschafft. Jahre später landete der Kollege auch endlich vor Gericht.
Anderen kann ich nur raten: Wägt gut ab, was für die Sache und für euch persönlich auf dem Spiel steht – und seid euch bewusst, dass man selten ganz anonym bleiben kann. Aber die Welt braucht Mutige.