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„Korruption steht im Fokus populistischer Rhetorik“

INTERVIEW MIT SARAH ENGLER

Berlin, 03.09.2026 – Sarah Engler ist Professorin für Vergleichende Politikwissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie untersucht, welche Strategien Parteien anwenden, um Wähler:innen zu gewinnen – und wie erfolgreich sie damit sind. Populistische Parteien bilden einen Schwerpunkt ihrer Arbeit. Mit dem Scheinwerfer spricht sie darüber, warum Korruption ein zentrales Element von Populismus darstellt und wie Parteien Korruption auch ohne populistische Methoden adressieren können.

© Prof. Dr. Sarah Engler

Dieses Interview ist ursprünglich in der 108. Ausgabe des Scheinwerfer-Magazins zum Themenschwerpunkt „Populismus und Korruption“ erschienen (Redaktionsschluss: 07. Mai 2026). Fragen: Adrian Nennich


Wie definieren Sie Populismus und wie lässt er sich empirisch messen? 

In der Vergleichenden Politikwissenschaft hat sich die Definition des niederländischen Wissenschaftlers Cas Mudde durchgesetzt. Populismus hat demnach drei Elemente. Es ist zum einen Anti-Establishment-Rhetorik. Dass Populisten davon sprechen, die Elite sei korrupt, ist also Teil der Definition von Populismus. Zum anderen legt Populismus einen sehr starken Fokus darauf, dass die Politik uneingeschränkt das sogenannte ,gute Volk’ repräsentieren sollte. Gleichzeitig – und das ist, warum man sich bei Populismus Sorgen um die Demokratie macht – wird ein sehr homogenes Bild dieses Volkes gezeichnet, als sei es eine große Masse, in der alle das Gleiche wollen. Da gibt es keinen Raum für Pluralismus und Meinungsvielfalt. Findet man diese drei Elemente im Diskurs, dann spricht man von populistischen Parteien. 

Eine Gruppe von populistischen Parteien, die das Thema Korruption nicht nur verwendet, sondern es ins Zentrum ihres Wahlkampfes stellt, sind sogenannte Mitte-Populisten ohne radikale Ideologien. Hierbei handelt sich in der Regel um relativ neue Parteien, welche vor allem in Süd-, Mittel- und Osteuropa erfolgreich sind. Die ideologischen Hintergründe sind ganz unterschiedlich – von keiner Ideologie hin zu Liberalismus oder Konservatismus. Das Gemeinsame ist, dass sie sagen: Die Politik und das ganze politische Establishment sind korrupt, wir aber haben damit nichts zu tun, wir sind neu und wir räumen jetzt auf. Das sind manchmal Leute aus der Geschäftswelt, zum Beispiel Andrej Babiš in Tschechien, der sagt, er verdiene sein eigenes Geld und müsse nicht korrupt sein. Es sind aber auch Menschen aus der Unterhaltungsindustrie oder der Verwaltung.

Wenn man sich Mitte-Populisten und Populisten im Allgemeinen anschaut, sieht man eine große Variation, wie die Parteien Korruption politisieren und wie ernst sie es letztlich wirklich meinen. Über die Rhetorik der Mitte-Populisten kam ich übrigens zur Korruptionsforschung, denn Korruption ist wirklich ein wichtiges Wahlkampfthema in vielen Ländern. Das gilt für Zentral- und Osteuropa, jedoch auch wenn man zum Beispiel nach Südamerika schaut. Aber wie der Blick nach Westeuropa zeigt, wo vor allem Rechtspopulisten erfolgreich sind: Auch da spielt das Bild der „korrupten Elite“ eine zentrale Rolle in ihrem Narrativ.

Haben Populismus und populistische Narrative in den vergangenen Jahrzehnten nur gefühlt oder auch aus wissenschaftlicher Perspektive zugenommen? 

Studien, die sich die Rhetorik von Parteien bis zurück in die 1960er Jahre anschauen, zeigen, dass es Populismus und Anti-Establishment-Rhetorik schon immer gab. Es ist ein klassisches Instrument insbesondere von neuen Parteien. Seit Ende der 1980er Jahre sind die Parteiensysteme jedoch instabiler geworden. Starke Bindungen an die klassischen Volksparteien haben abgenommen. Die Menschen sind eher bereit, neue Parteien zu wählen. Dadurch sind populistische Parteien besonders erfolgreich. Schaut man sich die 1990er Jahre bis heute an, dann sieht man, dass in allen europäischen Ländern der Populismus zugenommen hat. In Westeuropa geht es dabei insbesondere um den Rechtspopulismus. In Osteuropa sind seit den 2000ern sehr verschiedene Formen von Populismus dazugekommen, wie eben der Mitte-Populismus.   

Kann man feststellen, ob Populisten in Ländern erfolgreicher sind, in denen tatsächlich auch ein höheres Niveau an Korruption vorherrscht? 

Nein. Wir sehen, dass populistische Parteien in allen Ländern erfolgreich sind – unabhängig davon, wie hoch die Korruption tatsächlich ist. Eine der erfolgreichsten rechtspopulistischen Parteien ist die Schweizerische Volkspartei. Dabei ist die Schweiz ein Land, in dem gemäß Indikatoren relativ wenig Korruption vorherrscht. 

In den Ländern, in denen Korruption durch alle Bevölkerungsschichten hindurch als eines der größten Probleme im Land angesehen wird, sehen wir, dass alle Parteien den Anreiz haben, darüber zu sprechen – wenn sie nicht gerade selbst der Korruption beschuldigt werden. Hier wird Korruption auch expliziter als Begriff verwendet. In Ländern, deren Selbstverständnis es ist, dass es kaum Korruption gibt, wird von Populisten eher auf andere Begriffe zurückgegriffen, die geeignet sind, Misstrauen zu sähen. Dann ist die Rede zum Beispiel von „Filz“ oder „Machenschaften hinter verschlossenen Türen“.  

Wenn Populisten in Regierungsverantwortung kommen, dann nimmt entgegen ihrer Versprechen Korruption meist zu – das legen Beispiele wie Trump oder Orbán nahe. Kann die empirische Forschung einen solchen Zusammenhang auch generell bestätigen? 

Es gibt in der Tat neuere Studien, die zeigen, dass populistische Parteien entgegen ihrer Versprechen Korruption nicht bekämpfen und im Gegenteil Populismus sogar zu mehr Korruption führt. Da Populisten in der Regel die Macht der Exekutive ausweiten und die Unabhängigkeit von Gerichten und andere Kontrollorgane attackieren, werden Möglichkeiten für die Bekämpfung von Korruption geringer, was wiederum auch korruptes Verhalten fördert. Wir sehen bei populistischen Regierungen häufig das Entstehen neuer klientelistischer Strukturen. Das lässt sich schlecht mit einem populistischen Weltbild in Einklang bringen und zeigt schlicht, dass populistische Parteien häufig von Personen geführt werden, die ihre persönliche Macht und ihren Reichtum erweitern wollen. Trump und Orbán sind da exemplarisch. 

Man sieht auch in Deutschland, dass populistische Narrative immer stärker verfangen. Die AfD hat den politischen Diskurs spürbar verändert, vom Agenda-Setting bis hin zu den Debatten im Deutschen Bundestag. Zunehmend scheinen Bürger:innen zu denken, alles sei besser als der als korrupt wahrgenommene Status Quo. Wie kann man diesem pauschalen Narrativ den Wind aus den Segeln nehmen? 

Das ist in der Tat eine sehr schwierige Sache. Wir müssen erstmal anerkennen, dass Korruption in allen Ländern existiert. Auch in den Staaten, die in Korruptionsindizes gut abschneiden, gibt es immer wieder Korruptionsskandale. In Osteuropa, wo das Korruptionsniveau im Schnitt höher ist, gibt es zwei Arten von „über Korruption sprechen“: die Parteien einerseits, die populistisch sind, die die politische Elite attackieren und sagen, wir müssen aufräumen; und die oft eher proeuropäischen, häufig auch wirtschaftsaffinen Parteien andererseits, die sagen, wir müssen Korruption bekämpfen, weil sie unser Land ineffizient macht oder die Chancen reduziert, der Europäischen Union beitreten zu können (sofern das noch nicht geschehen ist).  

Letztere halten das Thema auf einer eher sachlichen Ebene und setzen auch nicht unbedingt den primären Fokus darauf. Ihnen geht es dennoch darum, anzuerkennen, dass es ein strukturelles Problem gibt, dem wir uns widmen müssen. In diesen Ländern sieht man meistens auch in Umfragen, dass Korruption ein Thema ist, das fast alle beschäftigt. Das zeigt, dass man dieses Thema auch sachlich politisieren kann. 

Haben Sie konkrete Beispiele hierfür im Kopf? 

In meinem Buch bespreche ich zwei Fälle, in denen man sagen kann, dass die Korruptionsbekämpfung gut funktioniert hat, nachdem eine Partei das Thema politisiert hat. Interessanterweise hat die eine Partei das sehr populistisch politisiert und trotzdem erfolgreich Korruption bekämpft. Die andere hat es eher sachlich politisiert und bekämpft.  

Der eine Fall ist die Unity in Lettland, die 2002an die Macht kam. Als zweiten Fall würde ich hier tatsächlich die populistische PiS in Polen in der Regierungszeit von 2005 bis 2007 nennen. Beide Parteien haben damals eine Antikorruptionsbehörde geschaffen. In beiden Fällen hat vor allem die petty corruption abgenommen, also die „kleine Alltagskorruption“ auf unteren administrativen Ebenen. In beiden Fällen muss man aber auch anerkennen, dass die Anreize des angestrebten EU-Beitritts sehr stark gewirkt haben.

Ein solcher „EU-Effekt“ ist derzeit auch in der Ukraine zu beobachten. Die Beitrittsperspektive, aber natürlich auch das Angewiesensein auf militärische Unterstützung sind Druckmittel für Akteure vor Ort, die für ernsthafte Korruptionsbekämpfung eintreten, etwa unsere Transparency-Kolleg:innen. Den Versuch, die Unabhängigkeit der verhältnismäßig neuen Antikorruptionsinstitutionen einzuschränken, musste Präsident Selenskyj vergangenen Sommer nach kurzer Zeit zurücknehmen.

Dass die neuen Mechanismen wirken, zeigen diverse hochrangige Korruptionsfälle, die in den letzten Jahren verfolgt, aufgeklärt und bekannt geworden sind. Gleichzeitig sorgt das für Schlagzeilen und kann die Wahrnehmung von Korruption erstmal ansteigen lassen – und gezielt instrumentalisiert werden, etwa von Seiten Russlands oder interessierter Kräfte hierzulande, die sagen, ein solch korrupter Staat könne nicht mit Waffen unterstützt werden. 

Generell gilt, dass natürlich auch Parteien, die Korruptionsbekämpfung auf der Agenda haben, selbst nicht vor Korruption gefeit sind. Werden sie besonders abgestraft, wenn es zu Korruption in den eigenen Reihen kommt? 

Genau, sich gegen Korruption einzusetzen bedeutet nicht, selbst keine Korruptionsskandale zu haben. Auch wenn eine Partei glaubwürdig versucht, Korruption systematisch zu bekämpfen, sind es am Ende alles Menschen und Menschen machen manchmal Sachen, die sie nicht sollten. Ihre Wähler:innen, denen das Thema sehr wichtig ist und die daher die Partei gewählt haben, reagieren im Wahlkampf auch bei kleineren Korruptionsskandalen sehr stark. Daher können gerade diese Parteien darüber stolpern.

In meinem Buch habe ich mir angeschaut, wie Parteien, die Korruptionsbekämpfung zu ihrem Thema gemacht haben, sich mit unterschiedlichen Strategien über die Zeit entwickeln. Erfolgreich zu bleiben und dabei dem Thema Korruptionsbekämpfung treu zu bleiben, das hat eigentlich nur die Unity in Lettland über einen gewissen Zeitraum geschafft. Ansonsten scheitern die meisten Parteien früher oder später, weil sie häufig über einen Korruptionsskandal geschlittert sind; entweder sie werden in den Wahlen abgestraft, oder sie hören früh genug auf, über Korruption zu sprechen. 

Wie stark prägt die öffentliche Wahrnehmung von Korruption eigentlich die politischen Debatten in Europa? 

Wenn man auf die Indizes blickt, dann sieht man, das in vielen osteuropäischen Ländern die Wahrnehmung von Korruption generell höher ist als in Westeuropa. Das könnte auch daher kommen, dass sie durch die EU-Beitrittsprozesse wie auch durch die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds konstant gemonitort wurden. Das Thema war im öffentlichen Diskurs viel stärker präsent als in Westeuropa. Das führte dazu, dass die Leute sagen „Wir haben ein Korruptionsproblem“, wohingegen viele Menschen in westeuropäischen Staaten das Wort Korruption nicht so schnell in den Mund nehmen. Dieser Fokus auf Korruptionsbekämpfung wurde in den neueren Mitgliedsstaaten einfach viel stärker gesetzt. 

Der Historiker Jens Ivo Engels vertritt die These, dass es in der frühen Bundesrepublik im Grunde mehr politische Korruption gegeben habe als derzeit, diese jedoch aktuell deutlich schärfer skandalisiert werde als damals (vgl. Scheinwerfer 71, 86 sowie 100). Heute sieht er häufig ein Missverhältnis zwischen der Kritik und der tatsächlichen politischen Bedeutung der Vergehen. Dies führe zu einer schleichenden Diskreditierung von Politiker:innen und des demokratischen Systems insgesamt, was den Boden für Populismus bereite – eine Kritik, die durchaus auch Organisationen wie Transparency trifft. Teilen Sie diese Einschätzung?

Es ist sicherlich so, dass das Korruptionsniveau in Deutschland früher hoch war, auch wenn man nicht über Korruption gesprochen hat. Ich glaube, heutzutage wird vieles als korrupt gesehen, was früher als normal galt – dass man sich ein bisschen aushilft und so weiter. Erst als die wirtschaftswissenschaftliche Forschung Ende der 1980er Jahre Korruption als Problem für Wirtschaftswachstum identifizierte, wurde Korruptionsbekämpfung explizit zum politischen Ziel – und damit auch der kritische Blick auf korrupte Praktiken geschärft. Dass das ein Grund dafür ist, dass Populismus zugenommen hat? Nein, das glaube ich eher nicht. Das ist eine zu deutsche Perspektive. Wir sehen sehr erfolgreichen Populismus auch in Ländern mit sehr hohem Vertrauen in die Politik: Finnland, Schweden, Schweiz, Dänemark…

Was man eher sagen kann: In der Bundesrepublik der Nachkriegszeit war natürlich das Zusammenspiel zwischen Wähler:innen und Parteien viel enger als heute. Es gab mehr Berührungspunkte – schon im Dorf oder beim Gewerkschaftsfest. Es gab sehr klare politische Identitäten. Heutzutage ist eine Partei nicht mehr etwas, mit dem viele Menschen sich grundsätzlich identifizieren. Außerdem haben Parteien ebenso wie Vereine und im Grunde wie alles, was der Individualisierung entgegenwirkt, generell an Bedeutung verloren. Dazu kommen moderne Massenmedien und Social Media. 

Damit einher geht, dass man einer Partei nicht mehr automatisch vertraut. Diese Entwicklung und die Erklärungen dafür sind in der Parteienforschung gut dokumentiert. Ich glaube nicht, dass die Politisierung von Korruption das Vertrauen derart geschwächt hat. Parteien spielen einfach nicht mehr die gleiche gesellschaftliche Rolle wie früher. Wenn Politik und Parteien weniger nah sind, dann ist das Vertrauen schlicht geringer. Übrigens ist aus diesem Grund das Vertrauen in Parteien in Osteuropa und in Ostdeutschland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von vornherein viel schwächer gewesen, da die Parteien erst in den 1990er Jahren plötzlich da waren und sich politisches Vertrauen gar nicht erst aufbauen konnte. 

Wie könnte Vertrauen zurückgewonnen werden?

Ich denke, da geht es einerseits darum, dass man die Probleme benennt und Mechanismen schafft, um Korruption möglichst klein zu halten – und transparent ist, wenn Korruptionsskandale auftreten. Nur weil das Thema von Rechtspopulisten eingenommen wird, wäre niemandem geholfen, so zu tun, als sei es kein Problem, als müsste man darüber nicht sprechen – und als sei Transparenz nicht per se wichtig für eine funktionierende Demokratie. Denn Demokratie bedeutet immer auch Kontrolle der Mächtigen. 

Gleichzeitig ist klar: Das Vertrauen zurückgewinnen, das kann man nicht mit Korruptionsbekämpfung allein. Es gibt viele Gründe, warum Menschen Rechtspopulismus wählen. Übrigens sind es gerade rechtspopulistische Wähler:innen, die sich besonders stark mit ihrer Partei identifizieren. Diese Parteien schaffen also etwas, womit die anderen Parteien seit vielen Jahren Probleme haben. Das zeigt, dass Misstrauen allein die politische Realität von heute nicht erklären kann. Parteien müssen wieder eine Verbindung zu Wähler:innen herstellen, die das Fundament für Vertrauen schafft. Das ist die große Herausforderung, vor der die Parteien heute stehen.

Bei Transparency rennen Sie mit Ihrem Plädoyer für ein sachliches Adressieren von Problemen, mehr Transparenz und systematische Korruptionsbekämpfung auf jeden Fall offene Türen ein. Herzlichen Dank für dieses Gespräch. 


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