Gas, Gerd und ganz viel Detailarbeit
Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss zur Klimastiftung Mecklenburg-Vorpommern
Schwerin, 15.06.2026 – Vier Jahre lang hat ein Untersuchungsausschuss die Vorgänge rund um die Klimastiftung MV und Nord Stream 2 aufgearbeitet. Ist sie ein Fall strategischer Korruption? Wer hat welche Rolle dabei gespielt? Was müssen wir daraus lernen? Ein Fazit.
Dieser Beitrag von Gerhard Bley ist ursprünglich in der 108. Ausgabe des Scheinwerfer-Magazins zum Themenschwerpunkt „Populismus und Korruption“ erschienen (Redaktionsschluss: 07. Mai 2026).
„Protecting Europe's Energy Act“: Unter diesem Titel verhängte die US-Regierung von Donald Trump Ende 2019 Sanktionen gegen den Bau der Pipeline Nord Stream 2.1 Unter der Ostsee hindurch sollte sie jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Russland direkt nach Deutschland transportieren.2 In der Folge zog die Schweizer Firma Allseas ihre Rohrverlegeschiffe ab, die Arbeiten kamen zum Erliegen. Was nun?
Die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern und die zum russischen Staatskonzern Gazprom gehörende Nord Stream 2 AG waren fest entschlossen, die Pipeline fertigzustellen. Mit der „Stiftung des Landes Mecklenburg-Vorpommern für Klimaschutz und Bewahrung der Natur – Stiftung Klima- und Umweltschutz MV“ (kurz: Klimastiftung MV)3 sollte dies trotz US-amerikanischer Sanktionen erreicht werden. Im Schnellverfahren ohne vorherige Ausschussbefassung beschloss der Landtag am 7. Januar 2021 mit großer Mehrheit die Einrichtung dieser landeseigenen Stiftung, mit Zustimmung durch SPD, CDU und LINKE und Enthaltung aus Teilen der AfD. Teile der AfD stimmten dagegen.4
Die Nord Stream 2 AG mit Verwaltungsratspräsident Gerhard Schröder und Geschäftsführer Matthias Warnig überwies der Stiftung wie vor ihrer Gründung verabredet eine Schenkung in Höhe von 20 Millionen Euro. Weitere 40 Millionen Euro sollten eigentlich später dazukommen, was aber nicht mehr geschah.5 Vorstandsvorsitzender der Klimastiftung MV wurde der ehemalige Ministerpräsident Erwin Sellering.6 Die Stiftung nahm ihre Arbeit auf und kaufte unter anderem ein Schiff, das direkt zum Bau von Nord Stream 2 beitrug. Als landeseigene Einrichtung fiel sie nicht unter die Sanktionen.
Eine öffentliche Stiftung, die offiziell dem Klima- und Naturschutz gewidmet ist, aber eigentlich US-Sanktionen umgehen und mit dem Geld eines russischen Staatskonzerns eine Erdgas-Pipeline fertig bauen soll? Das Konstrukt sorgte in Deutschland und international für Schlagzeilen. Der Tagesspiegel etwa bezeichnete sie als „Fake-Stiftung“7. Transparency Deutschland sprach in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Zivilgesellschafts-Think Tank Maecenata Stiftung von einem Missbrauch der Rechtsform Stiftung8. Sie wurde als Beispiel dargestellt, wie weit ehemalige und aktuelle deutsche Politiker:innen in Amt und Würden sich mit Vertretern Russlands einlassen. Mecklenburg-Vorpommern rückte in den Fokus der Aufmerksamkeit für russische Einflussnahme.
Das Kartenhaus bricht zusammen, die Aufarbeitung beginnt
Nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 kippte die Stimmung in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung, Wirtschaft und Politik. Das Kartenhaus des Lobbyismus für russisches Gas brach weitgehend zusammen. Versuche der Landesregierung, die Klimastiftung MV als öffentlichen Schandfleck auf der Weste des Landes loszuwerden, scheiterten. Letztlich setzte der Landtag auch mit den Stimmen der Regierungskoalition aus SPD und Die Linke einen parlamentarischen Untersuchungsausschusses (PUA) ein und legte als Untersuchungszeitraum die Zeit von Oktober 2016 bis Mai 2022 fest.
Auch wenn im Zentrum der Arbeit des PUA Sachverhalte aus dem Land Mecklenburg-Vorpommern standen, so wurde der Kontext der Errichtung der Klimastiftung MV und des Baus von Nord Stream 2 dennoch relativ weit ausgeleuchtet. Nicht Gegenstand des PUA waren jedoch viele Russland-Aktivitäten der Regierungen Erwin Sellering und Manuela Schwesig ohne direkten Bezug zur Klimastiftung MV – so wurden Werften in MV an russische Oligarchen verkauft9, Erwin Sellering und Manuela Schwesig reisten häufig nach Russland, Schwesig trat dabei u.a. auf dem internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg auf.
Ist die Klimastiftung MV ein Fall strategischer Korruption durch Russland?
Kurz gesagt: Ja. Der Gesamtkomplex der Einflussnahme Russlands mit den Helfershelfern in Deutschland auf die deutsche Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kann als Strategische Korruption Russlands bezeichnet werden. Nach Transparency-Definition handelt es sich um eine Form der Korruption, bei der korrumpierende Mittel gezielt und langfristig eingesetzt werden, um politische oder wirtschaftliche Entscheidungen in anderen Staaten im Sinne strategischer Eigeninteressen zu beeinflussen.10
Mit breit angelegten und langfristig durchgeführten Einflussoperationen haben Russland und vom russischen Staat gesteuerte Wirtschaftsunternehmen wie Gazprom den Boden dafür bereitet, dass Deutschland immer mehr Gas aus Russland bezogen hat und von Russland gesteuerte Wirtschaftsunternehmen in der Energieversorgung Deutschlands einen immer größeren Einfluss gewonnen haben.
Die gigantische, sich über nahezu zwei Jahrzehnte erstreckende Planung und Realisierung der Nord Stream Gas-Pipelines hat nicht nur zu einer gefährlichen Abhängigkeit der deutschen Energieversorgung von Russland geführt, sondern gleichzeitig Putins Kriegskasse für den Überfall auf die Ukraine prall gefüllt.11 Wie groß das Einflussnetzwerk war (ist?) und mit welchen Methoden hier gearbeitet wurde (wird), ist durch immer neue Enthüllungen über Jahre hinweg inzwischen einer breiten Öffentlichkeit bewusst.12
Im Februar 2022, kurz vor der russischen Großoffensive, warf Transparency Deutschland der Klimastiftung MV einen Verstoß gegen das Geldwäsche-Gesetz vor. Die Landesstiftung habe verschleiert, welche Entscheidungsträger tatsächlich hinter der Stiftung steckten. Transparency forderte einen offenen und ehrlichen Umgang mit den russischen Hintermännern, die das eigentliche Sagen hätten. Weiter warnte Transparency davor, mit der Klimastiftung MV einen Präzedenzfall zu schaffen, wodurch externer Einfluss mit Hilfe von Stiftungen erleichtert würde.13
Mit dem Untersuchungsausschuss in MV wurde nun erstmals eine strategische, langfristige Einflussnahme eines ausländischen Staates auf die deutsche Politik und Gesellschaft in einem systematischen parlamentarischen Verfahren aufgearbeitet. Aus Sicht von Transparency Deutschland hätte es eines Untersuchungsausschusses auch auf Bundesebene bedurft, um die russischen Lobbytätigkeiten im Energiesektor aufzuklären. Das forderte die Organisation im November 2022 – und spricht sich mittlerweile für eine Enquete-Kommission aus, die untersucht, wie autokratische Staaten generell auf unsere Politik und Gesellschaft Einfluss nehmen und wie diese Einfallstore zu schließen wären.14
Der PUA kommt ins Rollen, eine Reihe Prominenter sagt aus
Dabei kann nun auch auf die Erkenntnisse des PUA Klimastiftung MV aufgebaut werden. Er konstituierte sich am 17. Juni 202215. Der Beginn der Arbeit stand unter dem Schock des erneuten Angriffs Russlands auf die Ukraine. Viele Protagonisten der deutsch-russischen Gas-Lobby sahen sich von heute auf morgen zu einer 180 Grad-Wende in ihrer Haltung gegenüber Russland gezwungen – und dazu, diese Wende auch öffentlich zu begründen. Erinnert sei etwa an eine Stellungnahme von Ministerpräsidentin Schwesig zum russischen Überfall auf die Ukraine am 28. Februar 2022, der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk wenig Glaubwürdigkeit abringen konnte („zum Kotzen“).16
Über ein halbes Jahr war der PUA zunächst damit beschäftigt, in harten Auseinandersetzungen eine Vielzahl von Beweisbeschlüssen zu fassen, mit der Landesregierung und der Klimastiftung MV um die Herausgabe von Unterlagen zu ringen und sich durch schiere Unmengen an Dokumenten zu arbeiten. Diese Arbeit fand in nichtöffentlichen Sitzungen statt.
Am 20. Januar 2023 begannen die Anhörungen und Zeugenvernehmungen in öffentlichen Sitzungen. Bis März 2026 hat der PUA Klimastiftung insgesamt 90 Sitzungen abgehalten und dutzende Sachverständige und Zeugen angehört. Der PUA befragte mit Gerhard Schröder und Olaf Scholz zwei ehemalige Bundeskanzler, mit Sigmar Gabriel, Helge Braun und Peter Altmaier drei wichtige ehemalige Bundesminister sowie neben Ministerpräsidentin Schwesig etliche (Ex-)Landesminister von Mecklenburg-Vorpommern und eine Vielzahl von Sachverständigen und weiteren Zeugen. Dazu zählte auch der Vorstandsvorsitzende der Nord Stream 2 AG Matthias Warnig, der seit Anfang der 1990er Jahre eine enge Verbindung zu Putin hatte.
Die Zeugenvernehmungen insbesondere von Landes- und Bundespolitikern wurden sehr durch den Oppositionsabgeordneten Hannes Damm geprägt, der die Befragten regelmäßig erheblich forderte. Bis in kleine Details eingearbeitet in eine unglaubliche Menge an Dokumenten, mit zunehmend ausgefeilter Fragetechnik, unerschrocken, keine Furcht vor niemandem, manchmal respektlos, insistierend, nahmen seine Befragungen schon zeitlich oft den meisten Raum ein.17
Damm brachte beispielsweise am 28. November 2025 mit seiner stundenlangen Befragung den Innen- und vormaligen Energieminister Christian Pegel, spiritus rector der Klimastiftung MV18, an seine Grenzen. Pegel stand vor der Herausforderung, sich nicht zu früheren veröffentlichten Aussagen und bereits erwiesenen Sachverhalten in Widerspruch zu setzen.
Zuvor, im Oktober 2025, ließ sich Gerhard Schröder per Video aus der Kanzlei seines Anwalts in Hannover zuschalten, nachdem er sich über Monate aus vorgeblich gesundheitlichen Gründen gegen einen Auftritt vor Ort gewehrt hatte. Der ehemalige Bundeskanzler ist eine Schlüsselfigur. Er ist noch immer Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Nord Stream AG und Vorsitzender des Verwaltungsrats der Nord Stream 2 AG und war lange auch Aufsichtsratsmitglied des russischen Energieunternehmens Rosnefts. Im Rahmen seiner gut bezahlten Positionen hat er jahrelang seinen Einfluss genutzt, um sich für den Bau der umstrittenen Nord Stream-Pipelines einzusetzen.19
Die Vernehmung geriet zu einer Art politischem Kabarett. Für Schröder war die Gründung der Klimastiftung MV eine „außerordentlich vernünftige Entscheidung“. Einwände gegen die Pipeline zum Beispiel aus Polen „interessierten mich nicht“. Missliebige Fragen quittierte er teils mit „Was soll dieser Unsinn?“ oder „Herr Vorsitzender, können Sie diesen Mist beenden?“.20 Bei einigen Fragen berief sich Schröder auf Erinnerungslücken oder stellte es so dar, als habe er mit den Details nichts zu tun gehabt. Der Versuch, seine Rolle zu relativieren, war unglaubwürdig. Schröder trug maßgeblich dazu bei, die gigantischen Pipeline-Projekte durch- und umzusetzen und Deutschland in energiepolitische Abhängigkeit von Russland zu bringen. Zu geopolitischen Intentionen und Auswirkungen wollte er sich in der Anhörung jedoch nicht äußern.
Sigmar Gabriel wiederum räumte bei seiner Anhörung im November 2025 Fehler ein. Zugleich schönte er seine Rolle als Bundesminister und behauptete, er habe bei den Verhandlungen mit Russland und der Nord Stream 2 AG vor allem die Ukraine und andere osteuropäische Staaten schützen wollen. Das wirkt bizarr angesichts des Hintergrunds, dass die Nord Stream Pipelines maßgeblich deshalb gebaut wurden, um die Ukraine und andere Staaten zu umgehen.
Das Finale der öffentlichen Anhörungen bildete schließlich am 5. Dezember 2025 die Vernehmung von Ministerpräsidentin Manuela Schwesing. Sie dauerte insgesamt 14 Stunden und war mit vielen Unterbrechungen und einem fragwürdigen Gezerre um Fragen, die Vorlage von Unterlagen und Antworten kein Höhepunkt parlamentarischer Arbeit.
Prägend waren auch die Versuche von Erwin Sellering als Vorsitzender der Klimastiftung MV, von außen stark auf die Arbeit des PUA Einfluss zu nehmen. Dazu gehörten eine Reihe von Pressekonferenzen in seinem Lieblingsrestaurant Brinkammas in Schwerin. Sellering wollte die Deutungshoheit über „seine Stiftung“ behalten. Weitere Höhepunkte (oder Tiefpunkte) der Arbeit des Untersuchungsausschusses waren sicher die Auseinandersetzungen mit Sellering um die Herausgabe von Unterlagen, die mehrfach die Gerichte beschäftigten, eine denkwürdige Zeugenvernehmung von Erwin Sellering im PUA21 und begleitende Merkwürdigkeiten wie das Verbrennen von Steuerunterlagen der Stiftung durch eine Finanzbeamtin („Kamingate“).22
Wie es weitergeht und was vom PUA bleibt
Vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause 2026 wird der Untersuchungsausschuss seinen Abschlussbericht vorlegen. Im September wird der Landtag neu gewählt. Zum Ende der Ausschussarbeit werden zwei der aktivsten Mitglieder ausgeschieden sein – neben Hannes Damm (Bündnis 90/Die Grünen) auch Rene Domke (FDP). Der mit Mehrheit der Koalitionsfraktion im PUA beschlossene Abschlussbericht droht schwach zu werden, viel Material nicht darin aufzutauchen. Es ist möglich, dass es noch gesonderte Berichte von der Grünen-Fraktion und der FDP-Gruppe geben wird. Die Kosten des PUA geraten derweil als unsachliche Schlammschlacht zum Vorwahlkampf-Thema.23
Viele Bewertungen zum PUA, die zu hören waren und noch zu hören sein werden, sind stark interessengeleitet. Die, die den PUA nicht gewollt haben, werden ihn nicht als Erfolg darstellen. Die Erwartung, der PUA könne diesen sehr komplexen Sachverhalt an sehr vielen Stellen quasi eindeutig auf unangreifbare Art aufklären, ist gelinde gesagt naiv.
Der Politikwissenschaftler Professor Wolfgang Muno von der Universität Rostock kommt zu einem zweigeteilten Zwischenfazit. Hinweise auf persönliche Vorteilsnahme von Erwin Sellering, Manuela Schwesig oder Christian Pegel habe der Ausschuss zwar nicht erbracht, Lobbyismus durch den russischen Staatskonzern Gazprom sei aber nachgewiesen worden. Mit den vermeintlich günstigen Ressourcen aus Russland habe man sich in die Abhängigkeit eines autoritären Regimes, einer Diktatur, begeben und das habe man in Schwerin gerne verdrängt. Muno erwartet keine negativen Auswirkungen für die Regierungspartei SPD. Er hat den Eindruck, dass es die Bevölkerung wenig interessiert.
Professor Stefan Creuzberger, Historiker für deutsche und osteuropäische Zeitgeschichte an der Universität Rostock, wünscht sich noch mehr Aufklärung, als sie der Untersuchungsausschuss des Landtages habe leisten können. Er schlägt eine unabhängige Kommission mit Historikern vor, die vollen Zugang zu allen Dokumenten erhält, diese kritisch aufarbeiten und Handlungsempfehlungen vorbereiten kann: „Es besteht eine Chance, dass wir Glaubwürdigkeit auf diese Art und Weise zurückgewinnen“. Dem erteilte Ministerpräsidentin Schwesig allerdings schon eine Absage, laut NDR mit dem Hinweis, ihre „Russlandpolitik sei immer transparent gewesen.“24
Aus meiner Sicht hat der Ausschuss viel Licht in das Netzwerk der deutsch-russischen Gas-Lobbyisten gebracht. Der PUA ist die bisher einzige parlamentarische Aufarbeitung zur russischen Einflussnahme auf die deutsche Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und öffentliche Meinung, wenn auch nur im engen Rahmen des Untersuchungsauftrages. Er war der einzige Ort, an dem verantwortliche Protagonisten unter Strafandrohung zu wahrheitsgemäßen Äußerungen verpflichtet waren (anders als bei Presseäußerungen und sonstigen Äußerungen im Landtag).
Der PUA und die begleitende Arbeit der Medien führten außerdem zu einer Reihe von Gerichtsentscheidungen, die die Informationsrechte von Abgeordneten und Presse gestärkt haben. Er hat die Landesregierung und auch die Klimastiftung MV selbst gezwungen, eine enorme Menge an Daten herauszugeben. Der PUA darf insgesamt nicht ohne die detaillierte Recherchearbeit und begleitende Berichterstattung vieler Medien gesehen werden. Diese sahen sich teils angespornt, durch eigene Recherchen zur Untersuchungsarbeit des PUA beizutragen.
Die Aufarbeitung hat auch das Kommunikationsverhalten maßgeblicher Protagonisten innerhalb der Landesregierung und deren Umgang mit Informationen offengelegt – das Löschen von E-Mails sowie die Kommunikation per Messanger statt E-Mail oder Brief hat eine Dokumentation und Rückverfolgung vielfach ausgeschlossen. Viele Informationen blieben in der Leitungsebene der Ministerien sowie der Staatskanzlei und wurden nicht veraktet und damit nicht dokumentiert. Sehr viel informelle Kommunikation sowie viele Treffen in Restaurants und am Rande kultureller Veranstaltungen blieben letztlich im Verborgenen.
Bei der Vorbereitung der Klimastiftung MV wurde offensichtlich die Arbeitsebene der Ministerien weitgehend außen vor gelassen. Die Darstellungen von Pegel zur Vorbereitung der Stiftungssatzung zeigen dies eindrücklich. Das hatte direkte Folgen für die (revisionssichere) Veraktung von Vorgängen und für die parlamentarische und öffentliche Kontrolle der Vorgänge.
Wenn auch vieles umstritten geblieben ist, so ist doch ganz deutlich geworden, wie eng, wie distanzlos die Landesregierung, aber auch zum Beispiel das Bergamt Stralsund im Genehmigungsverfahren mit Vertretern von Nord Stream und Nord Stream 2 umgegangen sind.
Gleichzeitig wurde deutlich, wie rücksichtslos Vertreter Deutschlands und der Landesregierung im Umgang mit den Interessen unserer Nachbarn im Osten und Nordosten – mit denen wir in vielerlei Hinsicht und langfristig ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis brauchen – umgegangen sind, was das Verhältnis zu ihnen beschädigt hat. Deutsche Akteure für Russland (vor allem Gerhard Schröder) haben im Übrigen sogar versucht, durch Lobbyismus auf Entscheidungen in Finnland, Schweden und Dänemark Einfluss zu nehmen.
Auch hat der PUA herausgearbeitet, dass wirtschaftliche Interessen ausländischer Akteure sehr starken Einfluss auf die Landespolitik nehmen konnten, ohne dass dem korrespondierend substantielle Interessen des Landes MV selbst gegenüberstanden. Letztlich bleibt offen und nicht rational nachvollziehbar, warum sich Akteure der Landespolitik derart stark für Nord Stream und Nord Stream 2 eingesetzt haben. Ein nur annähernd starkes Landesinteresse ist nicht erkennbar. Die komplizenhaft-konspirative Zusammenarbeit der Landesregierung MV mit von Russland gesteuerten Akteuren hat dem Ruf von Mecklenburg-Vorpommern in Deutschland und international erheblich geschadet.
Nach meiner Einschätzung ist das mit dem sehr starken Umwerben, Einschmeicheln und Hofieren von Politikern und anderen von Russland gesteuerten Akteure zu erklären. Sie haben langfristig und strategisch das Klima (!) in MV dafür bereitet und hier Akteure gefunden, die für dieses Umwerben nur zu bereitwillig empfänglich waren. Die Landespolitik hat dabei Fragen von Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechten in Russland ausgeblendet und teils klein geredet. Die Werte unseres Grundgesetzes und unserer Landesverfassung MV waren für viele Protagonisten ohne Bedeutung.
Ein weiterer denkwürdiger Umstand war, wie viele Personen mit Stasi-Verstrickungen im Kontext von Nord Stream und Nord Stream 2 auftauchten. Dies hatte für die Politik in MV ersichtlich keinerlei Rolle gespielt.
Der PUA Klimastiftung MV hat auch die Schwächen des Instruments des parlamentarischen Untersuchungsausschusses aufgezeigt. So kann die Landtagsmehrheit die Kontrolle der von ihr getragenen Regierung sehr einschränken und behindern. Die Landesregierung hat durch die Vorenthaltung von Unterlagen oder die Verzögerung der Herausgabe die Aufklärung erheblich erschwert.
Was jetzt zu tun wäre
Der PUA soll Handlungsempfehlungen geben. Diese sehe ich insbesondere bei einer Verbesserung der Dokumentation von Handeln der Leitungsebene der Landesregierung und bei klareren Dokumentations- und Transparenzpflichten von Lobby-Kontakten der Landesregierung. Dafür bräuchte es insbesondere das von Transparency seit langem geforderte Transparenzgesetz als Weiterentwicklung der Informationsfreiheit ebenso wie ein Lobbyregistergesetz auf Landesebene.
Alle diese Erkenntnisse haben Bedeutung über das Land Mecklenburg-Vorpommern hinaus. Etliches lässt sich nicht (landes-)rechtlich regeln. Dazu gehört eine größere Sensibilität für den Umgang mit Lobbyisten, die unter dem Einfluss einer ausländischen Regierung stehen. Um uns in Deutschland insgesamt besser gegen strategische Korruption und insbesondere auch gegen ausländische Propaganda und Desinformation zu wappnen, fordert Transparency Deutschland:
- die Einsetzung einer Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages, um die Einfallstore zu schließen, durch die autokratische Staaten auf unsere Politik und Gesellschaft Einfluss nehmen
- eine Nationale Antikorruptionsstrategie, die die veraltete Richtlinie zur Korruptionsbekämpfung in der Bundesverwaltung von 2004 ersetzt
- eine Richtlinie für EU-weite Lobbytransparenz, um die Lobbyregister zu vernetzen und EU-weit zugänglich zu machen
Ein Herzensanliegen wäre mir, dass Landes- und Bundespolitik künftig eine viel größere Sensibilität für die Interessen unserer Nachbarn entwickeln – vor allem für Polen, die baltischen Staaten und die Ukraine. Dazu stehen wir gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte in der Pflicht.25
Zum Autor
Gerhard Bley war 2021 Mitgründer der Regionalgruppe Mecklenburg-Vorpommern von Transparency Deutschland, die er auch geleitet hat. Er ist bei Transparency außerdem zum Schwerpunktthema Strategische Korruption aktiv. Der Jurist und Ministerialdirigent a. D. war knapp dreißig Jahre lang als Beamter des Landes Mecklenburg-Vorpommern tätig.
Quellen
- https://www.congress.gov/bill/116th-congress/house-bill/3206/text, https://www.tagesschau.de/ausland/trump-nord-stream-2-sanktionen-101.html, https://www.bundestag.de/resource/blob/794744/WD-2-075-20-pdf.pdf, https://www.atlantik-bruecke.org/die-sanktionsspirale-der-usa-gegen-nord-stream-2/
- https://www.tagesspiegel.de/wissen/schwesigs-fake-klimastiftung-ist-eine-dreiste-pr-aktion-5093857.html?icid=in-text-link_5419555
- https://www.tagesspiegel.de/politik/wie-gerhard-schroder-als-turoffner-fur-gazprom-agiert-4558762.html
- https://www.dokumentation.landtag-mv.de/parldok/dokument/47662#page=41 Die Reden im Plenarprotokoll sind auch heute für das Verständnis der seinerzeitigen Positionen lesenswert.
- https://www.dokumentation.landtag-mv.de/parldok/dokument/47662#page=39
- https://aktenoeffner.de/index.php/gas-lobby/akteure-und-strukturen/personen-aus-m-v#ErwinSellering
- https://www.tagesspiegel.de/wissen/schwesigs-fake-klimastiftung-ist-eine-dreiste-pr-aktion-5093857.html?icid=in-text-link_5419555
- https://www.transparency.de/aktuelles/detail/article/nord-stream-2-stiftung-gefaehrdet-den-guten-ruf-von-stiftungen/
- https://www.welt.de/wirtschaft/article4340656/Rettung-Wadan-Werften-gehen-an-russischen-Investor.html, https://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_wirtschaft/article128619305/Russe-kauft-insolvente-Volkswerft-Stralsund.html
- https://de.wikipedia.org/wiki/Strategische_Korruption, https://www.transparency.de/themen/strategische-korruption
- Steffen Dobbert, Ulrich Thiele, Nord Stream Wie Deutschland Putins Krieg bezahlt, Klett-Cotta 2025 https://www.klett-cotta.de/produkt/nord-stream-9783608966275-t-8737
- https://www.transparency.de/fileadmin/Redaktion/Aktuelles/2023/CPI-2022_Hintergrund_Strategische-Korruption.pdf; https://www.transparency.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/2025/105_TransparencyInternationalDE_Mag_Web.pdf; https://correctiv.org/en/latest-stories/2022/10/07/gazprom-lobby-germany/
- https://www.tagesspiegel.de/politik/gazprom-name-fehlt-im-transparenzregister-5419555.html https://www.transparency.de/aktuelles/detail/article/transparency-wirft-mv-wegen-stiftung-verschleierung-vor
- https://www.transparency.de/aktuelles/detail/article/transparency-fuer-untersuchungsausschuss-ueber-russischen-einfluss/
- https://www.landtag-mv.de/aktuelles/artikel/konstituierende-sitzung-untersuchungsausschuss-zur-klimaschutzstiftung-nimmt-arbeit-auf
- https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Ukrainischer-Botschafter-wirft-Schwesig-Heuchelei-vor,schwesig1136.html; https://www.sueddeutsche.de/meinung/manuela-schwesig-nordstream-2-putin-gerhard-schroeder-1.5539868
- https://www.hannes-damm.de/parlamentarischer-untersuchungsausschuss-klimastiftung-mv-2/
- https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/u-ausschuss-zur-klimaschutzstiftung-pegel-sieht-absurden-vorwurf,klimastiftung-116.html
- https://www.nytimes.com/2022/04/23/world/europe/schroder-germany-russia-gas-ukraine-war-energy.html
- https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/schroeder-untersuchungsausschuss-nordstream-100.html; https://www.bild.de/politik/inland/schroeder-im-verhoer-wegen-schwesigs-nord-stream-stiftung-weiss-ich-nicht-mehr-will-ich-auch-nicht-wissen-68f22877ad34762cb4a740b0#:~:text=Was%20tat%20die%20Bundesregierung?; https://www.ardmediathek.de/video/nordmagazin/klimastiftung-schroeder-sagt-vor-untersuchungsausschuss-aus/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS83ZmExMDUzZC05ZDBjLTQyMzMtODVhNy0wNDUwOTQzMDA2NjU
- https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/nordmagazin/klimastiftung-sellering-sagt-vor-untersuchungsausschuss-aus,nordmagazin-3476.html; https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/klimastiftung-sellering-holt-zum-rundumschlag-aus,klimastiftung-110.html
- https://www.welt.de/regionales/mecklenburg-vorpommern/article243960901/Sondersitzungen-Finanz-und-Rechtsausschuss-Kamin-Gate.html
- https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Untersuchungsausschuss-zur-Klimastiftung-Viele-Akten-wenig-Belastbares,untersuchungsausschuss264.html ; https://www.nordkurier.de/regional/mecklenburg-vorpommern/nach-gehalts-attacke-auf-cdu-mann-schwesig-vertrauter-dahlemann-bekommt-sofort-die-rechnung-4450330
- https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Untersuchungsausschuss-zur-Klimastiftung-Viele-Akten-wenig-Belastbares,untersuchungsausschuss264.html
- Viel Material zur Klimastiftung MV und zum PUA Klimastiftung MV gibt es auf dem von Gerhard Bley betriebenen Portal Aktenöffner: https://aktenoeffner.de/index.php/gas-lobby/klimastiftung-m-v. Und zum Schluss eine Leseempfehlung, spannend wie ein Krimi: Steffen Dobbert, Ulrich Thiele, Nord Stream Wie Deutschland Putins Krieg bezahlt, Klett-Cotta 2025 https://www.klett-cotta.de/produkt/nord-stream-9783608966275-t-8737