Die AfD und die Korruption
Berlin, 28.05.2026 – Schluss mit Altparteienkartell, Filz und Vetternwirtschaft: Die AfD stilisiert sich gern als Antikorruptionspartei Nummer eins. Das hat Strategie. Denn nur wenn das etablierte politische System möglichst korrupt, dysfunktional und verkommen wirkt, erscheint die rechtsextreme Alternative als Lösung. Die populistische Methode verfängt bei vielen, obwohl die Partei selbst Affäre an Affäre reiht – und hochkorrupte Machthaber zu ihren Vorbildern erklärt hat.
Dieser Beitrag von Michael Bergius und Adrian Nennich ist ursprünglich in der 108. Ausgabe des Scheinwerfer-Magazins zum Themenschwerpunkt „Populismus und Korruption“ erschienen (Redaktionsschluss: 07. Mai 2026).
„Unsere Kartellparteien sind Teil einer global vernetzten Elite, die Politik um des eigenen Vorteils macht. Eine Elite, die sich selbst bereichert.“1 In seiner Rede am 1. Mai 2017 in Erfurt lieferte Björn Höcke eine populistische Erzählung in Reinkultur. Der Vorstandssprecher sowie Fraktionsvorsitzende der AfD in Thüringen stellt das Establishment regelmäßig unter Generalverdacht und arbeitet mit pauschalen Korruptionsvorwürfen, ebenso wie andere Vertreter:innen der Partei.
Auch im Deutschen Bundestag: Wer die Antikorruptionskraft Nummer Eins ist, daran kann aus Sicht der AfD kein Zweifel bestehen. Kein Themenfeld wird ausgespart beim hehren Einsatz der zweitgrößten Fraktion gegen Filz und Klüngel – egal ob in Reden, parlamentarischen Anfragen, Anträgen und Gesetzentwürfen oder der öffentlichen Kommunikation, insbesondere über Social Media.
Vermengung konkreter Risiken mit gezielter Verunsicherung
Dabei verlaufen die Übergänge zwischen vermeintlicher Sorge um den korrekten Umgang mit öffentlichen Mitteln, Mahnungen, diffusen Unterstellungen, polemischer Zuspitzung und glatten Falschbehauptungen oft fließend. Ende Januar etwa legte die AfD-Fraktion unter Federführung des Abgeordneten Markus Frohnmaier einen Antrag mit dem Titel „Realistische Friedensziele formulieren – Deutsche Leistungen an die Ukraine prüfen und Korruption verfolgen“ vor.2 Gleich die erste Forderung lautete, die Bundesregierung solle „einen Stab mit mindestens 50 Mitarbeitern einrichten, der die erfolgten deutschen Waffen- und Rüstungsgüterlieferungen wie auch andere, auch finanzielle Hilfen an die Ukraine nachvollzieht, und Korruption, Geldwäsche, Menschen-, Waffen- und Drogenhandel sowie Terrorismusfinanzierung aufdeckt und verfolgt“. Mit dem vorgeblichen Ziel, Missstände zu bekämpfen, wird gezielt Verunsicherung mittels der Aufzählung (nicht belegter) schwerster Verbrechensformen verbreitet, um letztlich die Unterstützung der Ukraine grundsätzlich in Frage zu stellen.
Übles witterte die AfD auch wegen vermeintlicher Zweckentfremdungen von Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie des Auswärtigen Amts (AA) zugunsten politischer Stiftungen. Zwei nahezu wortgleiche Kleine Anfragen insinuieren, die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung und die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hätten seit Jahrzehnten in El Salvador unter dem Deckmantel der Demokratie- und Menschenrechtsförderung „Einmischung in innere Angelegenheiten“ betrieben. Dies werfe „Fragen zur Transparenz und Zweckmäßigkeit“ von Haushaltsmitteln auf. Die AfD wollte auch wissen, „welche konkreten Auswirkungen“ die jeweiligen Stiftungsprojekte „auf die innere Sicherheit El Salvadors, insbesondere im Hinblick auf Bandenkriminalität und Korruption, hatten“.3
Ein Evergreen sind die Anfragen zur Finanzierung von zivilgesellschaftlichen Organisationen aus öffentlichen Mitteln. Peter Boehringer, von Oktober 2017 bis Februar 2025 haushaltspolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, bringt das Narrativ dahinter auf den Punkt: „Selbstverständlich sind sehr viele Nichtregierungsorganisationen nicht politisch neutral, sondern stellen faktische ,Regierungsorganisationen‘ dar, die aus staatlichen Mitteln gefördert die Agenda der Regierung mit außerstaatlichen Mitteln vorantreiben. Bei vielen handelt es sich keineswegs um wohltätige Vereine der Zivilgesellschaft, sondern um politische Aktivisten, die zum Teil auch mit kriminellen Methoden, missliebige Meinungen in diesem Land zu unterdrücken versuchen. Derartige Aktivisten beschützen nicht die Demokratie, sondern stellen selbst die Bedrohung dar, vor der sie warnen.“4
Das Schema dieser Versuche der Rechtsaußen-Oppositionsführer ist durchschaubar: Der AfD missliebige Politikfelder und Akteure werden als besonders missbrauchs- und korruptionsgefährdet identifiziert. Das reicht von Programmen zur Förderung von Vielfalt, Demokratie und Menschenrechten über Klima- und Naturschutz bis hin zu effizienten Kühlschränken in Kolumbien oder den schon legendären Radwegen in Peru5. Dabei schlägt die AfD mehrere Fliegen mit einer Klappe: Sie nimmt vermeintlich fehlgesteuerte, „linksgrüne“, „woke“ Projekte aufs Korn, schürt Erregung, generiert Klicks auf ihren Onlinekanälen und inszeniert sich als Garant sauberer Mittelverwendung sowie Anwalt der kleinen Leute.
Was die AfD möchte: Ein Giftcocktail für die Korruptionskontrolle
Im September stehen drei Landtagswahlen an. Sowohl in Mecklenburg-Vorpommern als auch in Sachsen-Anhalt führt die AfD seit Monaten die Umfragen mit großem Vorsprung an. Im Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt6 finden sich etliche Passagen, die die Befürchtung nähren, mit der AfD und einem Ministerpräsidenten Ulrich Siegmund an der Macht werde es Medien, Kultur, Justiz, Wissenschaft, Kirchen und Zivilgesellschaft an den Kragen gehen. Denn die Pläne würden absehbar eine Schwächung von Vielfalt, Pluralismus und den gerade zur Kontrolle von Korruption in Regierungshandeln so wichtigen checks & balances nach sich ziehen.
So sollen nach einer Regierungsübernahme als erster Schritt die Rundfunkstaatsverträge gekündigt werden. Der Rundfunkbeitrag und damit die finanzielle Grundlage des öffentlich-rechtlichen Rundfunks soll abgeschafft werden. Auch die öffentliche Förderung des unabhängigen Radio Corax soll eingestellt werden. Der angeblich von den „Altparteien“ missbrauchte Verfassungsschutz soll zu einem Inlandsgeheimdienst umgebaut, die Antifa zur Terrorvereinigung erklärt und „gegen Klimaextremisten“ mit aller Härte vorgegangen werden.
Die als „linke Indoktrinationsanstalt“ gebrandmarkte Landeszentrale für politische Bildung soll in „ein Landesinstitut für staatspolitische Bildung und kulturelle Identität“ umgebaut werden. Dazu passend soll das Landesmotto „moderndenken“ durch „Deutsch denken!“ ersetzt werden. Die Partei möchte „Patriotismus fördern“ und verlangt: „Kein Staatsgeld für antideutsche Kunst und Kultur!“
Das Landesamt für Verfassungsschutz stufte die Landespartei im Jahr 2023 als eine „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ ein.7 Wohin der von der AfD entworfene Weg führen kann, dazu lohnt ein Blick ins Ausland.
Liebesgrüße aus Moskau – und Peking?
Das Verhältnis der AfD zu autokratischen und von Korruption geprägten Regierungen wie jenen von Wladimir Putin, Donald Trump und des jüngst abgewählten Viktor Orbán ist aufschlussreich. Von den Partnern und Idolen im Kreml, im Weißen Haus und bis vor kurzem auf dem Burgberg in Budapest kann und konnte die AfD sich einiges abschauen – allen voran hinsichtlich strategischem Vorgehen, Rhetorik sowie Delegitimierung und Aushebelung staatlicher Kontrollfunktionen.
Für Wladimir Putin, der sein Herrschaftssystem auf Korruption aufgebaut hat8, ist die Förderung europa- und demokratiefeindlicher Parteien seit Jahren fester Bestandteil der Strategie. Ziel ist es, „westliche Demokratien längerfristig von innen heraus zu zersetzen, indem man extreme Parteien nach Kräften fördert, während man sich gleichzeitig über den Einkauf ehemaliger Spitzenpolitiker Zugriff auf die politische Mitte sichert“. So bringen es die beiden FAZ-Journalisten Reinhard Bingener und Markus Wehner in ihrem Buch „Der stille Krieg. Wie Autokraten Deutschland angreifen“ auf den Punkt.9
Seien es Besuche in der russischen Botschaft in Berlin, Abgeordnetenreisen nach Moskau oder auf die Krim, der Einsatz für russisches Gas und gegen eine Unterstützung der Ukraine, Putin-freundliche Reden oder parlamentarische Anfragen im Bundestag sowie Landtagen mit auffallender Neugier hinsichtlich deutscher (kritischer) Infrastruktur und Verteidigungspolitik: Die AfD offenbart Nähe zum Kreml, macht sich zu dessen Büttel und verbreitet dessen Propaganda.10
Diese politische Linie wurde vom Kreml und dessen Umfeld aktiv in Form von strategischer Korruption gefördert. Darunter versteht Transparency Deutschland die langfristig angelegte Einflussnahme mit korrumpierenden Mitteln, um die politische Willensbildung in anderen Ländern zu beeinflussen – ein Instrument im Werkzeugkasten der hybriden Kriegsführung autoritärer Regierungen.11
Ein besonders wichtiger Akteur für Moskau ist der heutige stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion Markus Frohnmaier, jüngst Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Er setzt sich häufig für prorussische Positionen ein und reiste beispielsweise im Jahr 2018 auf Kosten russischer Gastgeber auf die von Russland besetzte Krim.12 Im Jahr 2019 konnten SPIEGEL, ZDF, BBC und La Repubblica Dokumente aus dem Inneren des Kreml auswerten.13 Darin zu lesen ist von einer geplanten „Unterstützung“ der Bundestagskandidatur von Markus Frohnmaier im Jahr 2017, damals Chef der Jungen Alternative. In den Papieren heißt es demnach: „Er wird ein unter absoluter Kontrolle stehender Abgeordneter im Bundestag sein.“ In einem Schreiben werden dabei zwei Großveranstaltungen für Frohnmaiers Wahlkampf angekündigt, von denen eine tatsächlich stattfand.
Kurz vor der Europawahl 2024 deckte der tschechische Geheimdienst eine möglicherweise groß angelegte Einflussoperation Russlands auf. Das Ziel sei gewesen, die europäische Unterstützung für die Ukraine zu untergraben und die Politik europäischer Staaten zugunsten des Kremls zu beeinflussen. Dies sei mithilfe der Medienplattform Voice of Europe geschehen, die vom prorussischen ukrainischen Oligarch Viktor Medwedtschuk finanziert worden sei. Politiker aus insgesamt sechs europäischen Ländern sollen von dem Netzwerk mehrere Hunderttausend Euro erhalten haben.14
Medien nannten in diesem Kontext explizit Maximilian Krah sowie Petr Bystron, die zu dem Zeitpunkt auf den ersten beiden Listenplätzen der AfD zur Europawahl standen. In Interviews mit Voice of Europe sprachen sich Bystron und Krah etwa gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aus. Beide sollen seit Längerem mit Medwedtschuk bekannt gewesen sein. Dieser gehört laut SPIEGEL zum engsten Zirkel des russischen Präsidenten, der Taufpate seiner jüngsten Tochter sein soll.15
Die Ermittlungen gegen Bystron wegen des Verdachts der Bestechlichkeit, Geldwäsche, Steuerhinterziehung „in mindestens fünf Fällen" und Betrug „in mindestens sechs Fällen“ dauern laut Tagesschau an. Bystrons Immunität wurde, auch wegen anderer Verfahren, bereits mehrfach aufgehoben, sodass Durchsuchungen stattfinden konnten.16
Gegen Krah läuft derzeit in diesem Fall ein Vorermittlungsverfahren – und zudem ein Ermittlungsverfahren wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche im Kontext möglicher Schmiergeldzahlungen aus China. Das bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft Dresden auf Scheinwerfer-Anfrage. Dabei geht es um eine Spionageaffäre um seinen langjährigen Mitarbeiter Jian G., der im April 2024 festgenommen und im September 2025 wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit für China zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden war.17 Auch bei Krah fanden mehrfach Durchsuchungen statt.18
Die Reaktion der AfD? Nach anfänglichen Distanzierungen und einer Art Auftrittsverbot im Endspurt vor der Europawahl19 scheinen beide wieder fest im Sattel zu sitzen. Bystron und Krah sind weiterhin Mitglieder der Partei und ihrer jeweiligen Fraktionen, die Vorwürfe lassen sie konsequent als politisch motiviert an sich abperlen.20 Krah wurde wenige Monate nach seiner Wahl ins EU-Parlament für den Bundestag aufgestellt, dem er nun angehört.21
Man schätzt sich: Die AfD und die MAGA-Bewegung
Auch zur MAGA-Bewegung von US-Präsident Donald Trump gibt es enge Verbindungen. Kaum hatte Trump im Januar 2025 seine zweite Amtszeit angetreten, verstärkten dessen Top-Regierungsmitglieder ihr Trommeln für die AfD und warfen den Regierungen in Europa eine Zerstörung der Demokratie, Zensur und die systematische Beschneidung von Meinungsfreiheit vor. Gleichzeitig nutzen Trump und sein Umfeld ihre Position, um sich zu bereichern und die Antikorruptionsinfrastruktur der USA abzubauen (vgl. Scheinwerfer 108, S. 11). Die renommierte US-Journalistin und Forscherin Anne Applebaum beschreibt in ihrem Bestseller Die Achse der Autokraten beispielsweise „eine personenzentrierte, ja patrimoniale Außenpolitik, die weder den Vereinigten Staaten selbst noch ihren Verbündeten dient, sondern nur dem amerikanischen Präsidenten, seinen Freunden und seiner Familie.“22
In einem Welt-Gastbeitrag kurz vor der Bundestagswahl sprach der Unternehmer und damalige Trump-Berater Elon Musk eine Wahlempfehlung für die AfD aus, da die Partei „der letzte Funke Hoffnung für dieses Land“ sei.23 US-Vizepräsident J. D. Vance rief bei der Münchener Sicherheitskonferenz die deutschen Parteien dazu auf, mit der AfD zusammenzuarbeiten.24 Die neue nationale Sicherheitsstrategie der USA sieht eine ausdrückliche Unterstützung für „patriotische europäische Parteien” vor.25 Die Jugendorganisation der Republikaner wiederum preist die AfD explizit für ihre „mutige Arbeit in dem besonders unterdrückerischen und feindseligen politischen Umfeld Deutschlands“.26
Die frischgebackene Oppositionskraft Nummer Eins im Deutschen Bundestag zeigte sich erkenntlich – mit Lobeshymnen auf den neuen MAGA-Kurs und regelmäßigen Treffen mit republikanischen Gesinnungsfreunden. Markus Frohnmaier etwa reiste im März 2026 in die USA, trat bei einer Republikaner-nahen Konferenz in Washington, D.C., auf und traf dort internationale Vertreter:innen rechter Parteien. Die AfD-Bundestagsfraktion bezuschusste die Veranstaltung mit 35.000 Euro – aus deutschen Steuergeldern.27
„Unser großes Vorbild“: Viktor Orbán
Was Trump im Großen (USA und die Welt) macht, betrieb über viele Jahre auch sein vielleicht größter europäischer Fan und Partner Viktor Orbán im Kleinen (Ungarn und Europa). In seiner seit 2010 währenden zweiten Amtszeit als Regierungschef änderte der einst als Reformer gestartete Politiker seinen Kurs und tat sich dadurch hervor, Menschen- und Bürgerrechte einzuschränken, die Kontrolle über Justiz und Medien zu übernehmen und gegen Nichtregierungsorganisationen vorzugehen.
Je länger Orbán an der Macht war, desto größer wurde die Liste von Vorwürfen der Korruption und Vetternwirtschaft in seinem unmittelbaren Umfeld.28 In seiner Amtszeit flossen etwa 80 Milliarden Euro aus unterschiedlichen EU-Fördertöpfen nach Ungarn. Transparency International schätzt, dass davon rund ein Viertel – getarnt als Infrastruktur-, Bildungs- oder Agrarprojekte – zweckentfremdet wurden.29 Nutznießer waren Freunde, Familienmitglieder oder Parteigänger Orbáns. Ihnen wurden vielfach öffentliche Aufträge zugeschanzt, für Projekte, die in der Folge zügig privatisiert wurden – was eine Rückforderung der Mittel praktisch unmöglich macht. Das Ergebnis: Ungarn rutschte seit dem Jahr 2012 im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International stetig ab und ist aktuell mit 40 Punkten (auf einer Skala bis 100) das Schlusslicht innerhalb der EU.30
All dies waren offenkundig keine Gründe für die AfD, von ihrem Idol abzurücken. Orbán sei ein „Leuchtfeuer der Freiheit“, pries Co-Chefin Alice Weidel im Frühjahr 2025 ihren Gastgeber bei einem Kongress von Rechtsaußen-Parteien in Budapest.31 Wochen zuvor war sie von Orbán wie ein Staatsgast empfangen worden und hatte für den Fall einer Regierungsbeteiligung angekündigt: „Wir werden dem Pfad von Ungarn, unserem großen Vorbild, folgen.“32 Im März 2026 reiste Weidel erneut nach Ungarn, um in der heißen Phase des Wahlkampfs für eine Wiederwahl Orbáns zu werben.33
Wiederholt hohe Bußgelder für illegale Parteispenden
Weidel selbst war in eine der AfD-Parteispendenaffären verwickelt. Vor der Bundestagswahl 2017 gingen auf dem Geschäftskonto von Weidels Kreisverband am Bodensee Parteispenden in Höhe von insgesamt 132.000 Euro ein, die mit dem Verwendungszweck „Wahlkampfspende Alice Weidel Social Media“ versehen waren. Das Geld soll nach Informationen von Report Mainz und SPIEGEL ursprünglich von Immobilienmilliardär Henning Conle stammen.34 Dieser überwies es jedoch nicht direkt. Stattdessen floss es in Tranchen gestückelt über die Konten von zwei Schweizer Pharmafirmen, bei denen zuvor entsprechende Zahlungen eingegangen sein sollen. Die Bundestagsverwaltung wertete dies als verbotene Annahme anonymer Spenden und verhängte ein Bußgeld in dreifacher Höhe des überwiesenen Betrags.
Daraufhin wurde es kurios: Die AfD übermittelte der Bundestagsverwaltung eine Liste von 14 angeblichen Spendern. In der Folge stellte sich heraus, dass ein Teil dieser Personen gar nicht gespendet hatte, sondern dass es sich um Strohleute handelte.35 Letztlich bestätigte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg im März 2023 die Entscheidung der Bundestagsverwaltung, sodass die AfD ein Bußgeld in Höhe von 396.000 Euro überweisen musste.36 Im Zuge der Affäre wurde auch gegen die AfD-Chefin persönlich ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Konstanz stellte die Ermittlungen jedoch ein, da Weidel nicht nachgewiesen werden konnte, sich mit dem oder den Spendern abgesprochen bzw. an der Aufstückelung der Spenden mitgewirkt zu haben.37
Der Fall rund um Weidel war nicht der einzige Parteispendenskandal, bei dem die AfD hohe Strafzahlungen leisten musste. So unterstützte die Schweizer Werbeagentur Goal AG den ehemaligen Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen sowie den AfD-Politiker Guido Reil in deren Landtagswahlkämpfen 2016 und 2017 mit geldwerten Leistungen, etwa Plakaten und Flyern. Da die eigentlichen Spender zum Zeitpunkt der Spendenannahme nicht feststellbar gewesen seien, musste die Partei insgesamt 402.900 Euro wegen illegaler Parteispenden bezahlen.38
Die Goal AG stand offenbar auch hinter Plakat- und Werbekampagnen im Wert von mehreren Millionen Euro, die im Zeitraum 2016 bis 2018 zur Wahl der AfD aufriefen. Offiziell hatte der „Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten e.V.“ die Kampagnen verantwortet und wurde auf Plakaten und im Impressum hunderttausender Gratiswerbezeitungen genannt. Recherchen zeigten, dass der Verein jedoch nie mehr als einen vierstelligen Betrag auf seinem Konto zur Verfügung hatte und Absprachen beispielsweise für Veranstaltungen direkt über die Goal AG liefen.39
Folgt man Recherchen von NDR, WDR und der ZEIT, diente der Verein vor allem als Fassade, um die Werbung von dritter Seite rechtlich möglich zu machen und die eigentlichen Akteure und Geldgeber zu verschleiern.40 Dieses Schlupfloch für sogenannte „Parallelaktionen“ war damals legal, ist mittlerweile jedoch nach Kritik von Transparency und anderen durch eine Gesetzesverschärfung der Ampel-Koalition geschlossen worden.41 Die AfD beteuerte stets, mit den Kampagnen nichts zu tun gehabt zu haben – aus gutem Grund, denn sonst hätten diese ebenfalls als illegale Parteispenden gewertet werden können. Recherchen etwa von CORRECTIV legten jedoch nahe, dass Funktionäre der Partei durchaus an der Koordinierung der Kampagnen beteiligt waren.42
Ganz frisch ist die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Berlin Anfang Mai 2026, dass eine Parteispende in Höhe von 2,35 Millionen Euro illegal gewesen sei.43 Vor der Bundestagswahl 2025 wurden damit mehr als 6.000 Großflächen-Plakate finanziert, vorgeblich durch den ehemaligen österreichischen FPÖ-Funktionär Gerhard Dingler. Doch nach Auffassung des Gerichts steht dahinter der bereits erwähnte Henning Conle. Er hatte Dingler kurz zuvor einen Betrag von 2,6 Millionen Euro als „Schenkung“ überwiesen. Laut Norman Loeckel, Co-Leiter der AG-Politik von Transparency Deutschland, sei es reines Glück gewesen, dass die Strohmannspende dank österreichischer Ermittler ans Licht gekommen sei. „In Deutschland wäre es ansonsten verborgen geblieben. Daher fordern wir eine Beweislastumkehr. Im Zweifelsfall müssen Parteien und die spendende Seite schriftlich belegen, woher das Geld stammt. Zudem braucht es endlich einen Parteispendendeckel.“44
Den Überblick zu behalten, fällt schwer: Die AfD-Verwandtenaffäre
Im Frühjahr 2026 wurde ein ganzes Netzwerk an Überkreuzanstellungen von Familienangehörigen in der AfD bekannt. Sich bei der Auflistung nicht zu verheddern, ist schwierig. Ein Versuch: Der Vater von Ulrich Siegmund, der bereits erwähnte AfD-Spitzenkandidat zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, ist als Mitarbeiter im Büro des AfD-Bundestagsabgeordneten Thomas Korell beschäftigt. Zeitweilig soll er dafür 7.725 Euro monatlich erhalten haben.45 Korell ist außerdem Arbeitgeber beider Elternteile des Landtagsabgeordneten Matthias Büttner. Darüber hinaus arbeitet bei Korell auch der Schwager von Tobias Rausch, parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt. Rauschs' Ehefrau wiederum ist in der AfD-Landtagsfraktion angestellt. Gleich drei Geschwister von Tobias Rausch haben bei der AfD-Bundestagsabgeordneten Claudia Weiss angeheuert. Deren Tochter arbeitet ebenfalls für die AfD-Landtagsfraktion.
Diese Fälle sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Geflecht. CORRECTIV hat mittlerweile einen Online-Tracker46 erstellt, um alle Fälle zu sammeln. Mit Hilfe einer interaktiven Grafik wird dabei das umfassende Netzwerk sichtbar.
Die Vielzahl der Fälle belegt nach Einschätzung von Transparency Deutschland ein systematisches Günstlingssystem, um an Abgeordnetengesetzen vorbei Verwandte, Ehe- oder Lebenspartner:innen mittels öffentlicher Gelder zu beschäftigen. „Die Lieblingsgeschichte der AfD ist die von den angeblich korrupten Eliten. Die Verwandtenaffäre lässt allerdings den Verdacht aufkommen, dass es sich bei diesem Feindbild um eine Selbstbeschreibung handeln könnte“, erklärt dazu Alexandra Herzog, Vorsitzende von Transparency Deutschland. „Die bisher bekannt gewordenen Fälle von Vetternwirtschaft in der AfD offenbaren, wie skrupellos und weitreichend man sich hier auf Kosten des Steuerzahlers bereichert hat.“47
Transparency spricht sich für umgehende Gesetzesänderungen aus, um Überkreuzanstellungen von Angehörigen von Abgeordneten auch über Parlamente hinweg wirksam zu unterbinden. Ausgangspunkt könnten die Verschärfungen des bayerischen Abgeordnetengesetzes sein, die nach der CSU-Verwandtenaffäre von 2013 eingeführt wurden. Mit Blick auf mögliche Scheinarbeitsverhältnisse fordert Transparency eine Prüfung aller Verdachtsfälle durch die Parlamentsverwaltung. Sollten diesbezügliche Medienberichte zutreffen, so läge laut Transparency-Jurist Wolfgang Jäckle „ein klarer Missbrauch von öffentlichen Geldern“ vor.48
Die populistische Erzählung
Trotz der wiederholten Korruptionsaffären stilisiert sich die AfD weiterhin als Kraft, die gegen Korruption eintritt. Im Narrativ der AfD und ihres Umfelds wird dabei ein klassisch populistischer Gegensatz zwischen „Wir“ und „Denen“ konstruiert – dem „rechtschaffenen patriotischen Volk“ einerseits und „korrupten globalistischen Eliten“ andererseits.
Nicht umsonst ist insbesondere die EU als supranationales Projekt ein zentrales Feindbild. Laut dem damaligen Partei- und heutigen Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland ist sie ein „korrupter, aufgeblähter, undemokratischer und latent totalitärer Apparat“49, wie er kurz vor der Europawahl 2019 erklärte.
Im Gegensatz dazu inszeniert sich die AfD als Vertreterin des Volkes: „Wir lieben nicht die Verfassung, wir lieben unser Volk“, so Gauland im Juni 2016 auf dem Kyffhäusertreffen des rechten AfD-„Flügel“.50 Die Verfassung sei zwar richtig und nützlich, schränkte er ein, könne jedoch wie ein Kleid auch verändert werden. „Identität, Nationales und Kultur kann man nicht verändern. Sie ist uns angeboren und sie ist etwas, was wir alle zum Leben brauchen.“
Maximilian Krah führte dazu laut SPIEGEL im Jahr 2023 aus: „Wenn Völker in ihrem ethnischen Substrat Bestand haben, wenn ihre positiven Eigenschaften durch die Homogenität der ebenso Geprägten zum Vorteil aller“ würden, könnten „Anstand, Ehrlichkeit und Vertrauen“ gedeihen. Ohne den „Schutzraum des Volkes“ würde „jede Eigentümlichkeit und Liebenswürdigkeit“ verschwinden.51 Auf den Punkt bringt diese Ideologie der oft als „Parteiphilosoph“ oder „Chefideologe“ bezeichnete Marc Jongen, der derzeit für die AfD im Europaparlament sitzt: „Der Pass alleine macht noch keinen Deutschen“, erklärte er gegenüber der ZEIT.52 Dieses Zitat findet sich auch im Gutachten des Bundesamts für Verfassungsschutz aus dem Jahr 2019, das auf 436 Seiten „Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ der AfD sammelt.53
„Gesichert rechtsextremistisch“
2025 stufte der Verfassungsschutz die AfD als „gesichert rechtsextremistisch“ ein.54 Diese Einschätzung wird derzeit gerichtlich geprüft – in einem Eilverfahren entschied das Verwaltungsgericht Köln, dass die Behörde die Einstufung bis zum Abschluss des Hauptsacheverfahrens nicht mehr vornehmen dürfe.55 Der Verfassungsschutz begründet seine Bewertung insbesondere der „die Menschenwürde missachtenden, extremistischen Prägung der Gesamtpartei“. „Das in der Partei vorherrschende ethnisch-abstammungsmäßige Volksverständnis ist nicht mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vereinbar“ und ziele darauf ab, bestimmte Bevölkerungsgruppen von einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe auszuschließen, so die Behörde.56
Konkreten Ausdruck findet das insbesondere im Ziel der „Remigration“, das auch Eingang in das AfD-Programm zur Bundestagswahl 2025 gefunden hat: „Unser Maßnahmenkatalog zur Umkehr dieses migrationspolitischen Staatsversagens heißt Remigration“.57 Während im Programm insbesondere die Ausweisung straffällig gewordener Ausländer thematisiert wird, gehen viele Vertreter:innen der Partei verbal deutlich weiter. Besonders geprägt wurde das Konzept von Martin Sellner, führender Kopf der Identitären Bewegung. „Remigration ist nicht nur Abschiebung von Illegalen, sondern ein großes, umfassendes Konzept, das sowohl Asylanten, also Asylbetrüger, Ausländer als auch nicht-assimilierte Staatsbürger im Fokus hat“, erklärt er in einem Video des Magazins Compact.58
Bei einer Veranstaltung mit Sellner in Brandenburg59 erklärte die AfD-Landtagsabgeordnete Lena Kotré im Januar 2026, um welche Dimensionen es dabei geht: „Brauchen wir wirklich 82 Millionen Menschen? Reichen nicht erstmal 60 Millionen, bis sich die Geburtenrate wieder erholt hat?” Ähnliches erklärt Björn Höcke, der für das Verwenden einer NS-Parole bereits zweimal rechtskräftig verurteilt60 wurde: „Wir werden auch ohne Probleme mit 20 bis 30 Prozent weniger Menschen in Deutschland leben können”.61 Nach dem Willen führender AfD-Vertreter:innen sollen also Millionen Menschen mit deutschem Pass aus Deutschland ausgewiesen werden.
Nicht nur das erklärte Ziel, auch die Wortwahl lässt tief blicken: „Solche Menschen müssen wir selbstverständlich entsorgen“, erklärte Petr Bystron 2017 mit Blick auf die damalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoğuz.62 Zu welchen Mitteln manche bereit wären zu greifen, wird bei einem Blick in Höckes Buch „Nie zweimal in denselben Fluss” aus dem Jahr 2018 klar. Demnach müsse eine neue politische Führung, die den Interessen der „autochthonen Bevölkerung” verpflichtet sei, „aller Voraussicht nach Maßnahmen ergreifen, die ihrem eigentlichen moralischen Empfinden zuwiderlaufen.” Dabei würden „wir leider ein paar Volksteile verlieren (...), die zu schwach oder nicht willens sind”, in einem solchen Deutschland mitzumachen. Es brauche einen „Aderlass” durch einen „Zuchtmeister”, der für die Reinigung Deutschlands eintrete. Andernfalls drohe der „Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch”.63
Eine radikale Randmeinung? Mitnichten. „Herr Höcke rückt die Partei nicht nach rechts, Herr Höcke ist die Mitte der Partei”, erklärte Alexander Gauland als damaliger Parteichef 201964. Seither ist die Partei insgesamt nach Einschätzung vieler Beobachter wie auch des Verfassungsschutzes noch weiter nach rechts gerückt.
Strategisches Kalkül
Solch radikale Ideen verstören. Daher ist es ein entscheidender Bestandteil des strategischen Vorgehens der AfD, das derzeitige politische System als möglichst korrupt und kaputt erscheinen zu lassen. Denn nur mit Hilfe dieser populistischen Erzählung kann in der Bevölkerung der Boden Stück für Stück bereitet werden, sich einen radikalen Bruch mit dem Status Quo zu wünschen – und eine rechtsextreme Regierung in Kauf zu nehmen.
Schon in den 1920er und 1930er Jahren war es im Übrigen zentraler Bestandteil der Demokratiefeinde, die republikanischen Parteien als möglichst korrupt darzustellen. Die NSDAP untergrub systematisch das Vertrauen in die demokratischen Institutionen, die sie als „Korruptionsstaat“ und „Bonzokratie“ verhöhnte.65 Extreme Rhetorik mit Blick etwa auf „Volksverräter und Novemberverbrecher“ prägte das Ende der Weimarer Republik.66
Vor diesem Hintergrund sollten Vertreter:innen aller politischer Strömungen von konservativ bis links darüber nachdenken, auf wessen Konto sie letztlich einzahlen, wenn sie für kurz- bis mittelfristige politische Gewinne oder Klicks Kritik an politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen völlig überziehen – und damit eben jenes verzerrte Bild einer Gesellschaft am Abgrund untermalen, das die AfD zeichnet. Gleichzeitig schwindet damit das Vertrauen der Menschen in die Lösungskompetenzen der demokratischen Parteien. Der gefühlte und täglich crossmedial befeuerte Krisen- und Ausnahmezustand bildet die Grundlage dafür, dass Menschen vermehrt den Eindruck haben, radikalste Maßnahmen und eine autoritäre, starke Führung seien nötig.
Wie also über Korruption sprechen?
Der Ruf nach Mäßigung und Differenzierung in der politischen Debatte mag altbacken daherkommen – und doch ist er angesichts des Vorgehens der AfD immer wieder nötig. Das gilt auch beim Redenüber Korruption.
Gibt es in Deutschland Fälle von Korruption? Ja. Von der Aserbaidschan- über die Masken- bis zur Trauzeugenaffäre: Korruptionsskandale sind in den vergangenen Jahren in den Reihen aller Parteien aufgetreten, die Regierungsverantwortung getragen haben. Dieses Magazin füllt jede Ausgabe mit Korruptionsbeispielen aus diversen gesellschaftlichen Bereichen, von der Wirtschaft über die Justiz bis zum Sport.
Ist das ganze System korrupt? Nein. Dabei hilft es, einen Schritt aus der deutschen Debatte herauszutreten und sich das internationale Bild anzuschauen. Deutschland rangiert im Korruptionswahrnehmungsindex 2025 (vgl. Scheinwerfer 108, S. 30) auf Rang 10. Das Abschneiden zeigt, dass Deutschland im weltweiten Vergleich verhältnismäßig wenig Korruptionsprobleme hat. Gleichzeitig macht die Zahl von 77 von 100 möglichen Punkten deutlich, dass es besser ginge. Im Zehnjahresvergleich hat die Bundesrepublik sogar vier Punkte verloren. Es besteht also viel Handlungsbedarf, zumal die Bundesregierung derzeit etwa im Vergaberecht Maßnahmen zur Korruptionsprävention zurückbaut.67
Klar ist: Es gibt kein Land, in dem Korruption nicht vorkommt. Auch Spitzenreiter Dänemark hat mit 89 Punkten noch Luft nach oben. Der Blick ans untere Ende der Rangliste zeigt Länder wie Russland (22), Afghanistan (16) oder Venezuela (10), in denen Korruption tatsächlich systemisch ist. Wie es in einem solchen Staat zugeht, das führt das Interview mit Mercedes De Freitas von Transparencia Venezuela in dieser Scheinwerfer-Ausgabe (vgl. Scheinwerfer 108, S. 46) plastisch vor Augen.
Die ganze Regierung korrupt? Die Meinungsfreiheit in Gefahr? Die Demokratie am Ende? In Venezuela und Russland trifft das zu, in Deutschland nicht. Ein solcher Perspektivwechsel zeigt, wie hohl und aufgesetzt die Rhetorik der AfD ist. Das Bild muss bewusst düster gemalt werden, um sich als Retter inszenieren zu können.
Korruptionsfälle wird es immer geben, auch mit den besten Präventionsmaßnahmen. Die Frage ist, wie wir gesellschaftlich darüber reden und damit umgehen. Stehen unsere Debatten über einzelne Skandale in einem passenden Verhältnis zur Gesamtsituation? Schütten wir das Kind mit dem Bade aus oder sprechen wir die konkreten Probleme an? Steigen wir ein in Rhetorik mit dem Dampfhammer oder mühen wir uns ab mit komplizierten Abwägungen, wie bessere rechtliche Regelungen aussehen könnten und deren Durchsetzung zu stärken wäre?
Die AfD als Antikorruptionspartei? Das Gegenteil ist der Fall
Dass die AfD als Oppositionspartei derart viele Korruptionsfälle in ihren Reihen verzeichnet, ist bemerkenswert. Schließlich ist Korruption kriminologisch betrachtet oft ein Gelegenheitsdelikt: Macht kann nur missbrauchen, wer über sie verfügt und wem sich die Gelegenheit bietet. Daher kann Macht korrumpieren. Wenn eine Partei schon in der Opposition ein verzweigtes System der sprichwörtlichen Vetternwirtschaft aufbaut und zahlreiche Verwandte versorgt, was passiert erst in Regierungsverantwortung, wenn es deutlich mehr zu verteilen gibt?
Dass zudem die interne Aufarbeitung kaum stattfindet und Kritik stets pauschal abgebügelt wird, macht es wenig glaubwürdig, sich als Vorkämpfer gegen Korruption zu gerieren. Ebenso wenig in dieses Bild passen die Pläne, die Justiz umzubauen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einzudampfen sowie die unabhängige Forschung und eine kritische Zivilgesellschaft einzuschränken – Instanzen, die im Kampf gegen Korruption entscheidend sind. Wenn die AfD außerdem ebenjene Machthaber von Orbán über Trump bis Putin zu Vorbildern und Partnern erklärt, deren eklatante Selbstbereicherung und Korruptionssysteme gut belegt sind, dann tritt deutlich zutage, was im Fall einer AfD-Regierung zu erwarten wäre: eine deutliche Zunahme der Korruption.
Michael Bergius war mehr als 25 Jahre lang in Bonn, Brüssel und Berlin als Korrespondent deutscher Tageszeitungen tätig und arbeitete danach 12 Jahre im Deutschen Bundestag. Er ist Mitglied der Scheinwerfer-Redaktion und engagiert sich bei Human Rights Watch sowie UNICEF Deutschland.
Der Politologe Adrian Nennich arbeitet seit acht Jahren für Transparency Deutschland, leitet die Redaktion des Scheinwerfer-Magazins und hat den vorliegenden Themenschwerpunkt kuratiert.
Quellen
- zitiert nach Holtmann, Everhard: Völkische Feindbilder: Ursprünge und Erscheinungsformen des Rechtspopulismus in Deutschland. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, Schriftenreihe Band 10207, 2018.
- Deutscher Bundestag: Drucksache 21/3839 (2021)
- Deutscher Bundestag: hib 90/2026 sowie hib 92/2026 (2026)
- AfD-Bundestagsfraktion: Kleine Anfrage der AfD-Fraktion zu NGO-Finanzierung (2020)
- Tagesschau: Millionen aus Deutschland für Radwege in Peru? (2024)
- AfD Landesverband Sachsen-Anhalt: Regierungsprogramm (2026)
- Deutschlandfunk: Verfassungsschutz stuft AfD Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch ein (2023)
- Deutschlandfunk Kultur: Nawalny zeigt die Korruption des Systems Putin (2021)
- Bingener, Reinhard / Wehner, Markus: Der stille Krieg. Wie Autokraten Deutschland angreifen. München: C-H Beck Verlag, 2. Auflage, September 2025.
- DER SPIEGEL: Energie, Militär, Rüstung – AfD stellt Tausende Anfragen in Landtagen (2025)
- Transparency International Deutschland: Themenseite Strategische Korruption (2026)
- Tagesschau: AfD-Politiker beim Jalta-Forum - Propagandareise ans Schwarze Meer (2019)
- DER SPIEGEL: Russen setzten auf AfD-Abgeordneten Frohnmaier (2019)
- DER SPIEGEL: China, Russland und die AfD - Alternative gegen Deutschland (2024)
- DER SPIEGEL: Europäische Politiker sollen Hunderttausende Euro aus Russland bekommen haben (2024)
- Tagesschau: Immunität von AfD-Politiker Bystron aufgehoben (2025)
- sachsen.de: Urteil im Verfahren gegen Jian G. und Jaqi X. wegen Geheimdienstlicher Agententätigkeit verkündet (2025)
- Tagesschau: Wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche - Neue Durchsuchungen im Fall von AfD-Politiker Krah (2026)
- Table.Media: AfD ohne Spitzen-Duo: Krah und Bystron treten im Wahlkampf nicht mehr auf (2024)
- DER SPIEGEL: EU-Parlament hebt erneut Immunität von AfD-Politiker Bystron auf (2026)
- MDR: Maximilian Krah (AfD) gewinnt den Wahlkreis Chemnitzer Umland - Erzgebirgskreis II (2025)
- Applebaum, Anne: Die Achse der Autokraten. Korruption, Kontrolle, Propaganda - Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten. München: Siedler, 2024.
- WELT: Warum Elon Musk auf die AfD setzt – und warum er dabei irrt (2024)
- Tagesschau: Vance wirbt für Zusammenarbeit mit der AfD (2025)
- Konrad Adenauer Stiftung: Die neue nationale Sicherheitsstrategie der USA (2025)
- BILD: Warum Trumps Republikaner Markus Frohnmaier so lieben (2025)
- DIE ZEIT: AfD-Fraktion bezuschusst republikanische US-Tagung mit 35.000 Euro (2026)
- Frankfurter Rundschau: „Eine Abscheulichkeit“: Orbán-Kritiker will Ungarns EU-Milliarden komplett einfrieren (2025)
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- Transparency International Deutschland: Korruptionswahrnehmungsindex 2025 (2026)
- Redaktionsnetzwerk Deutschland: Die Internationale der Nationalisten vernetzt sich – jetzt auch wieder mit der AfD (2025)
- Tagesschau: Weidel lobt Ungarn als "großes Vorbild" (2025)
- Euronews: Alice Weidel in Budapest: Europas Rechte sammelt sich hinter Orban (2026)
- Tagesschau: AfD-Spendenaffäre - Neue Spur zu Milliardär Conle (2020)
- taz: AfD-Spendenaffäre um Alice Weidel - Strohleute und hohe Strafen (2020)
- DER SPIEGEL: AfD scheitert mit Berufung gegen Urteil zu Spendenaffäre (2023)
- Tagesspiegel: Ermittlungen gegen Spitzenkandidatin der AfD wegen Spendenaffäre eingestellt (2021)
- RedaktionsNetzwerk Deutschland: Spendenaffäre: AfD soll 402.900 Euro zahlen (2019)
- Tagesschau: AfD-Parteispenden: Der Verein, der nur Tarnung war (2021)
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- Transparency International Deutschland: Stellungnahme anlässlich der Anhörung zum Parteiengesetz (2023)
- CORRECTIV: AfD-Spendenaffäre: Das doppelte Spiel (2021)
- Tagesspiegel: AfD verliert Streit um Millionenspende gegen Bundestag (2026)
- Transparency International Deutschland: Wegweisendes Urteil in der Bekämpfung von Strohmannspenden (2026)
- Tagesschau: AfD-Verwandtenaffäre weitet sich aus (2026)
- CORRECTIV: „Family and Friends“: Tracker zur Vetternwirtschaft bei der AfD (2026)
- Transparency International Deutschland: AfD-Verwandtenaffäre: Transparency Deutschland fordert Gesetzesänderungen (2026)
- Transparency International Deutschland: Scheinanstellungen: Transparency Deutschland fordert Bundestagsverwaltung zu Ermittlungen auf (2026)
- Euractiv: AfD-Parteitag: zurück zu einem "Europa der Vaterländer" (2019)
- afd-verbot.de: Handakte 61433
- DER SPIEGEL: Die AfD und die Nation - Der rechte Traum vom völkisch reinen Reich (2026)
- CORRECTIV: Wer ist deutsch? (2025)
- netzpolitik.org: Wir veröffentlichen das Verfassungsschutz-Gutachten zur AfD (2019)
- LTO: Neubewertung der AfD auf Bundesebene: Was folgt aus der Einstufung als "gesichert rechtsextremistisch"? (2025)
- Tagesschau: Wie das AfD-Verfahren weitergeht (2026)
- Tagesschau: Medien veröffentlichen Gutachten zur AfD (2025)
- Alternative für Deutschland: ZEIT FÜR DEUTSCHLAND (2025)
- CORRECTIV: Das „Volk“ der Rechtsradikalen (2025)
- DIE ZEIT: Die kleine Welt des Martin Sellner (2026)
- LTO: LG Halle verurteilt Björn Höcke zum zweiten Mal (2024)
- Facebook: NEIN ZUR AFD (2026)
- Cremer, Hendrik: Warum die AfD verboten werden könnte. Berlin: Deutsches Institut für
Menschenrechte, 2023. - DIE ZEIT: Rechtsextremismus: Höcke will den Bürgerkrieg (2019)
- afd-verbot.de: Handakte 39114.
- Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 1998.
- WELT: „Volksverräter“ - Die Dresdner Pöbelei steht in direkter Nazi-Tradition (2016)
- Transparency International Deutschland: CPI 2025: Korruption weltweit auf dem Vormarsch (2026)