Der Korruptionswahrnehmungsindex 2006 macht Zusammenhang zwischen Armut und Korruption deutlich

Trotz verbesserter Gesetzgebung zeigt sich Korruptionsmaschinerie weiterhin gut geschmiert

Berlin, 6. November 2006 – Der heute von Transparency International veröffentlichte Korruptionswahrnehmungsindex 2006 (Corruption Perceptions Index, CPI) lässt einen starken Zusammenhang zwischen Korruption und Armut erkennen. Viele der sehr armen Länder finden sich am unteren Ende des Index wieder.

Korruption hält Millionen von Menschen in der Armutsfalle gefangen“, sagt Huguette Labelle, die Vorsitzende von Transparency International. „Die heute veröffentlichten Ergebnisse zeigen: In den letzten zehn Jahren gab es erhebliche Fortschritte, Anti-Korruptionsgesetze und -regulierungen einzuführen und zu verbessern. Doch es bleibt noch viel zu tun, bevor wir entscheidende Verbesserungen im Leben der Ärmsten dieser Welt verzeichnen können.“

Der CPI 2006 ist ein zusammengesetzter Index. Er basiert auf einer Vielzahl von Umfragen bei Experten, in denen die Wahrnehmungen von Korruption im öffentlichen Sektor in 163 Ländern untersucht werden. Der CPI 2006 erfasst damit mehr Länder als je zuvor. Für jedes untersuchte Land vergibt der CPI einen Punktwert zwischen null und zehn, wobei ein Wert von null Punkten ein besonders hohes Maß an wahrgenommener Korruption angibt, während zehn Punkten bedeuten, dass in diesem Land kaum Korruption wahrgenommen wird.

Im CPI 2006 ist ein starker Zusammenhang zwischen Korruption und Armut erkennbar. Fast drei Viertel aller im diesjährigen Index aufgenommenen Länder (darunter alle einkommensschwachen Länder sowie, mit zwei Ausnahmen, alle afrikanischen Länder) erreichen weniger als fünf Punkte. Daraus folgt, dass die meisten Länder dieser Welt im eigenen Land mit einem hohen Maß an wahrgenommener Korruption konfrontiert sind. 71 Staaten – fast die Hälfte aller erfassten Länder – weisen einen Punktwert von unter drei auf, was darauf schließen lässt, dass Korruption als grassierend wahrgenommen wird. Mit nur 1,8 Punkten erreicht Haiti den geringsten Punktwert. Guinea, Irak und Myanmar teilen sich mit jeweils 1,9 Punkten den vorletzten Platz. Finnland, Island und Neuseeland erreichen jeweils 9,6 Punkte und stehen damit gemeinsam an erster Stelle des CPI 2006.


Zu den Ländern, in denen deutliche Verschlechterungen des wahrgenommenen Korruptionsniveaus zu verzeichnen sind, gehören: Brasilien, Israel, Jordanien, Kuba, Laos, die Seychellen, Trinidad und Tobago, Tunesien und die USA. Staaten, die eine deutliche Verbesserung der wahrgenommenen Korruption erkennen lassen, sind: Algerien, Indien, Japan, Lettland, Libanon, Mauritius, Paraguay, Slowenien, die Türkei, Turkmenistan, die Tschechische Republik und Uruguay.

Es zeigt sich, dass viele der so genannten Failed States auf den hintersten Plätzen des Korruptionswahrnehmungsindex 2006 zu finden sind. Der Irak ist auf den vorletzten Platz abgerutscht, nachdem aus methodischen Gründen keine Daten der Vorkriegsumfragen mehr berücksichtigt werden.

Wenn auch viele der industrialisierten Länder im CPI 2006 vergleichsweise hohe Punktwerte erzielen, sehen wir dennoch große Korruptionsskandale in vielen dieser Länder. Obwohl hier Korruption weniger Einfluss auf Armut und Entwicklung hat als in Entwicklungsländern, zeigen solche Skandale doch, dass es auch hier keinen Anlass für Selbstzufriedenheit gibt.

Handlanger der Korruption

Die großen Korruptionsprobleme in vielen Ländern verweisen auch auf den Stellenwert, den Handlanger der Korruption weiterhin haben. Sie helfen den politischen Eliten, ihren unrechtmäßig erworbenen Reichtum – der nicht selten aus geplünderten Staatskassen stammt – an sicherer Stelle aufzubewahren, zu waschen und zu nutzen. Solche willigen Handlanger, die korruptes Handeln oft erst ermöglichen und lohnend machen, sind häufig in den führenden Volkswirtschaften ausgebildet worden oder operieren von diesen aus. Die Korrupten können sich darauf verlassen, dass es Banker, Wirtschaftsprüfer, Anwälte oder andere Spezialisten gibt, die Unterstützung anbieten, unrechtmäßiges Vermögen aufzubauen, zu verschieben und an sicherer Stelle aufzubewahren.

Die Skandale um die kenianische Anglo-Leasing seien ein Beispiel für dieses Vorgehen, so John Githongo, Kenias ehemaliger „Anti-Korruptions-Zar“. Die Fehlleitung und Veruntreuung öffentlicher Gelder wurden hier erst möglich durch betrügerische Verträge, die sich ein ausgeklügeltes Netzwerk von Tarnfirmen und Bankkonten in europäischen Ländern und off-shore Gebieten zu Nutze gemacht haben. Nach Angaben des von TI Kenia veröffentlichten Kenya Bribery Index verursacht die Bestechung in diesem Land einen jährlichen Schaden von etwa einer Milliarde US-Dollar. Dabei leben mehr als die Hälfte aller Kenianer von weniger als zwei US-Dollar pro Tag.

Bei Korruption gibt es immer einen Geber (die Angebotsseite) und einen Nehmer (die Nachfrageseite). Transparency International kämpft für wirksame Methoden, die Angebotsseite in den Griff zu bekommen. Dazu gehört unter anderem die Strafbarkeit der Bestechung ausländischer Amtsträger im Rahmen der OECD-Konvention. Die Korruptionsbekämpfung auf der Nehmerseite umfasst Maßnahmen wie die Offenlegung der Vermögenswerte öffentlicher Amtsträger und die Verabschiedung von Codes of Conduct.

Doch korrupte Transaktionen werden oft erst von Fachleuten aus vielen Bereichen ermöglicht. Korrupte Agenten und Vermittler bringen Geber und Nehmer zusammen, schaffen eine Atmosphäre von gegenseitigem Vertrauen und auf Gegenseitigkeit ausgerichteten Beziehungen. Sie versuchen, korrupten Transaktionen einen legalen Anschein zu geben, bieten rechtlich durchsetzbare vertragliche Regelungen an und sorgen für Sündenböcke, die verantwortlich gemacht werden können, wenn diese Machenschaften doch öffentlich werden.

Unternehmen und Berufsverbände für Juristen, Wirtschaftsprüfer und Banker tragen eine besondere Verantwortung, sich stärker gegen Korruption zu engagieren“, sagt David Nussbaum, Geschäftsführer von Transparency International. „Denn gerade diese Berufsgruppen können als Staatsanwälte, kriminalistisch geschulte Buchprüfer und Spezialisten für Korruptionsbekämpfung in den Firmen selbst zu Mitstreitern in einem erfolgreichen Kampf gegen Korruption werden.“

Transparency International empfiehlt:

 

  • Ausbau und wo nötig Einführung von auf Korruptionsbekämpfung zugeschnittenen Codes of Conduct, die für die Mitglieder von Berufsverbänden, z.B. der International Bar Association, der International Compliance Association, und von Berufsverbänden der Wirtschaftsprüfer verbindlich sind;
  • Trainingsprogramme, die es ehrlichen Agenten und Vermittlern ermöglichen, ihre Rolle besser zu verstehen;

  • Rechtliche und standesrechtliche Sanktionen gegen Anwälte, Finanzfachleute, und Wirtschaftsprüfer, die Korruption möglich machen;
  • Genauere Überprüfung der Rolle von wenig transparenten Finanzzentren und –plätzen bei der Förderung korrupter Transaktionen.


Transparency International ist die im Kampf gegen Korruption führende Organisation der globalen Zivilgesellschaft.

Hinweis: Am 4. Oktober 2006 hat Transparency International den diesjährigen Bribe Payers Index vorgestellt (www.transparency.org/policy_research/surveys_indices/bpi). Dieser richtet seinen Fokus auf die Geberseite der Korruption, auf die Bereitschaft von Unternehmen der 30 führenden Exportländer, im Ausland Bestechungsgelder zu zahlen.

Am 7. Dezember 2006 wird Transparency International das Korruptionsbarometer 2006 (Global Corruption Barometer) vorstellen (www.transparency.org/policy_research/surveys_indices/gcb).
Das Barometer wirft einen Blick auf die Wahrnehmung von Korruption in der öffentlichen Meinung in Bezug auf wichtige staatliche Institutionen, wie Gerichte, Parlamente und Polizei. Die Veröffentlichung des Barometers erfolgt im Vorfeld des internationalen Anti-Korruptionstages am 9. Dezember 2006.

 

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