DER BEIRAT STELLT SICH VOR: Ulrich von Alemann
Prof. Dr. Ulrich von Alemann wurde 1944 in Seebach/ Thüringen geboren. Er ist seit 1998 Lehrstuhlinhaber für Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Nach dem Studium in Bonn und Kanada war er an der PH Rheinland in Neuss und an der Universität Duisburg tätig. Er arbeitet zu den Themen Demokratie- und Politiktheorie, Parteien-, Verbände- und Gewerkschaftsforschung und Politische Korruption.
Wann und wie sind Sie beruflich und privat mit dem Problem „Korruption“ konfrontiert gewesen?
Obwohl ich mich schon lange mit Parteienfinanzierung und Lobbyismus wissenschaftlich beschäftigt habe, stieß ich erst mit der Flick-Affäre Anfang der 1980iger Jahre auf das Thema Korruption. Ich schrieb dazu einen Essay und habe das Thema immer eher feuilletonistisch behandelt, bis ich von dem großen deutsch-amerikanischen Korruptionsforscher Arnold Heidenheimer gefragt wurde, ob ich in Deutschland jemand wüsste, der sich mit Korruption beschäftigt. Ich antwortete eigentlich nicht, höchstens ich selbst. Er lachte und sagte, dann schreiben Sie doch den Deutschland-Artikel für unser Handbuch „Political Corruption“. Das erschien 1992 und seitdem bin ich fest mit dem Thema verbunden, weil es gesellschaftspolitische Relevanz mit wissenschaftlicher Faszination verbindet.
Sind Universitäten und ist die Wissenschaft ein besonders heikles Pflaster im Hinblick auf Korruption? Wo stecken die Probleme?
Universitäten sind schon besonders heikel beim Thema Korruption, weil sie von ihrem Selbstverständnis an Objektivität, Wahrheitsverpflichtung und Aufklärung gebunden sind. Viele Mitglieder der Hochschulen fühlen sich dadurch meilenweit von möglichen Verführungen entfernt. Ich selbst habe erst Jahre später als Korruptionsforscher realisiert, dass ich als junger Hochschullehrer von einem befreundeten Doktoranden keinen Karton Rotwein hätte annehmen dürfen. Zu meiner Entlastung kann ich anführen, dass keinerlei „Unrechtsvereinbarung“ existierte.
Kann man „Korruption in der Wissenschaft“ irgendwie kategorisieren? Wer korrumpiert da wen? Gibt es besonders anfällige Gebiete?
Sicher gibt es auch in der Wissenschaft für Korruption verschiedene Typen. Ganz selten dürfte Bestechung bei Examen und Prüfungen im Spiel sein. Aber aus manchen Fächern ist bekannt, dass Professoren für die Vermittlung von Diplomarbeiten als Fallstudien in Unternehmen „Gebühren“ von den Firmen und den Diplomanden kassieren, was natürlich unstatthaft ist. Das „Sponsoring“ in medizinischen Fächern durch Pharmafirmen ist ein Problem, das erkannt ist und angegangen wird. Wo viel Geld im Spiel ist, bei Anschaffungen von Millionen teuren Großgeräten kann es natürlich immer auch zu Korruption kommen, in der Wissenschaft genauso wie in Verwaltungen und Unternehmen.
Wie schätzen Sie die Bedeutung der Zivilgesellschaft im Kampf gegen Korruption ein?
Korruption kann man nicht nur repressiv bekämpfen, also durch Gesetze, Strafen, Staatsanwaltschaft und Polizei. Wichtiger noch ist die Prävention, wo auch die Justiz hilft, aber in erster Linie Gesellschaft, Wissenschaft und Medien gefragt sind. Die Zivilgesellschaft verfügt darunter über eine besonders hohe Glaubwürdigkeit und ist deshalb unerlässlich.
Welche Rolle sollte nach Ihrer Meinung Transparency Deutschland in zehn Jahren auf diesem Feld spielen?
TI Deutschland sollte sich als Autorität in Sachen Korruptionsbekämpfung etablieren. Jeder Wissenschaftler, Staatsanwalt, Journalist oder Drehbuchautor sollte sich als erstes immer fragen: Was meint TI dazu?
Was möchten Sie als Beirat in die Arbeit von TI Deutschland gern einbringen?
Ich möchte von TI Deutschland lernen, wie man hartnäckig und systematisch, unaufgeregt und nicht lockerlassend an das Krebsübel Korruption herangeht. Und ich möchte TI Deutschland dafür meinen Rat aus meiner wissenschaftlichen Arbeit beisteuern.
Die Fragen stellte Anke Martiny.
Dieser Artikel ist im Rundbrief 35 (S. 13f.) vom Dezember 2006 erschienen.

