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Der Beirat stellt sich vor: Philip Manow

Zum 1. Januar 2010 ist Professor Dr. Philip Manow in den Beirat von Transparency Deutschland berufen worden. Seit Oktober 2009 hält der Politikwissenschaftler die Professur für Moderne Politische Theorie am Institut für Politische Wissenschaft der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg inne. Zuvor war er im Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz und bis März 2007 als Leiter der Forschungsgruppe „Politik und politische Ökonomie“ am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln tätig. Jüngst untersuchte er den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Korruptionsniveaus (gemäß Corruption Perceptions Index) und dem Vorkommen von Ämterpatronage in einigen westlichen Demokratien. In der renommierten Politischen Vierteljahresschrift, für die er auch als Gutachter arbeitet, publizierte Manow 2005 den Beitrag „Politische Korruption und politischer Wettbewerb“.

Die Sponsoring-Affäre in NRW um Jürgen Rüttgers hat das Thema der politischen Korruption neu aufgelegt. Wie interpretieren Sie die Vorfälle um den Verkauf von Ständen an solvente Unternehmen bei Parteitagen?

Manow: Ich habe das vor allem unter dem Blickwinkel gesehen, dass dort Praktiken, die eigentlich in der US-amerikanischen Politik gängig sind, nach Deutschland importiert wurden. Es wurde – sehr naiv – nicht gesehen, dass sowohl von der politischen Kultur als auch von den rechtlichen Voraussetzungen in Deutschland nicht möglich ist, was in anderen Ländern, insbesondere den USA, in der Parteienfinanzierung durchaus Praxis ist.

„Im Schatten des Königs – Die politische Anatomie demokratischer Repräsentation“ heißt Ihr 2008 erschienenes Buch über die Geschichte des Parlaments. Kann die Geschichte des Deutschen Bundestages – im Vergleich zu anderen europäischen Parlamenten – auch etwas über die Entwicklung der Korruption im Haus der gewählten Volksvertreter lehren? Sagt die Sitzordnung im Bundestag etwas über Anfälligkeit der Parlamentarier aus?

Manow: Nein, es wäre zu weit hergeholt, hier einen Zusammenhang zu konstruieren. Einige politische Aktivitäten haben ihren Namen hingegen schon einem architektonischen Bezug zu verdanken. Der Begriff des Lobbyismus leitet sich bekanntlich aus der Parlamentslobby ab, wo sich Abgeordnete und Interessenvertreter treffen. Das ist natürlich immer eine problematische Grauzone der politischen Einflussnahme gewesen. Der Begriff des Antichambrierens leitet sich vom fürstlichen Vorzimmer ab. Das sind aber wohl die einzigen Bezüge, die man zwischen politischer Architektur und problematischen Politikpraktiken herstellen kann.
Was mir in diesem Kontext interessanter erscheint: Wenn man sich demokratische Repräsentationstheorien anschaut, dann wird eigentlich klar, dass die Repräsentanten des Volkes immer eine Auswahl darstellen, an die sehr viel höhere normative Standards angelegt wird. Repräsentativität meint hier nicht ein getreues, sondern eigentlich ein nobleres Abbild der Bevölkerung. Und das sieht man eben auch bei Korruption. Die moralischen Standards, die wir an Abgeordnete legen, sind eben deutlich andere als die, die wir an andere anlegen. Wenn man die Korruption, die in der deutschen Wirtschaft stattfindet, vergleicht mit der Korruption, die im politischen Bereich stattfindet, dann wird unmittelbar deutlich, dass die Toleranzschwellen für politische Korruption deutlich geringer sind.

Was kann die aktuelle Politikwissenschaft derzeit zur Erforschung von Korruption beitragen?

Manow: Sehr viel. Vor allen Dingen im Bereich der Parteienfinanzierung besteht noch immenser Forschungsbedarf. Dazu gibt es relativ wenige systematische Untersuchungen. Ebenfalls noch nicht untersucht ist der – hochaktuelle – Zusammenhang zwischen Korruption und Staatsfinanzen, Stichwort Griechenlandkrise. Dass korrupte Länder auch weniger in der Lage sind, ihre Staatsfinanzen ordentlich zuverwalten, ist recht offensichtlich. Auch hier fehlt es allerdings an systematischen Untersuchungen.

Was möchten Sie mit Ihrer aktiven Mitgliedschaft im Beirat von Transparency Deutschland erreichen?

Manow: Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn Praxis und Theorie näher zusammenkommen mit Lernerfolgen in beide Richtungen. Dass ich also lerne, wo die praktische Diskussion Fragen an die Politikwissenschaft hat, die ich auch gerne in meiner Forschung bearbeiten würde, und dass ich der praktischen Korruptionsbekämpfung sagen kann, was der Stand der Wissenschaft in den jeweiligen Teilgebieten ist. Mich würde freuen, wenn sich dieses gegenseitige Lernen realisiert.

Die Fragen stellte Maria Schröder.

Dieser Artikel ist im Scheinwerfer 47 vom Mai 2010 (S. 25) erschienen.