Der Beirat stellt sich vor: Marianne Heuwagen
Marianne Heuwagen war als Journalistin unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die ARD und die ZEIT tätig. Von September 2005 bis August 2010 war sie Direktorin des Deutschland-Büros der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in Berlin. Seit 2010 ist sie Mitglied im Beirat von Transparency Deutschland.
Sie haben Ihre journalistischen Anfänge in Amerika gemacht. Dort wurde nach dem Watergate-Skandal ein Informationsfreiheitsgesetz auf den Weg gebracht. Wie beurteilen Sie Informationsfreiheit für Journalisten, und welchen Stellenwert hat sie für uns „normale" Staatsbürger?
Informationsfreiheit für Journalisten ist die Voraussetzung für Transparenz in jeder freiheitlich-demokratischen Gesellschaft und damit auch dafür, dass der aufgeklärte Bürger seine demokratischen Rechte verantwortungsvoll wahrnehmen kann. Aber sie ist selbst in dem vermeintlich demokratischen Musterland USA nicht immer garantiert, wie man in der Ära Bush gesehen hat, wo um der nationalen Sicherheit willen demokratische Grundrechte einfach ausgehebelt wurden. Andererseits zeigt gerade das Zeitalter der enormen technologischen Vernetzung, mit der wir heute leben, dass es Grenzen gibt, die auch Journalisten einhalten sollten. Wenn die Öffentlichkeit erfährt, dass Soldaten auf Zivilisten wie auf Kaninchen schießen, dann ist das ein Kriegsverbrechen und muss angeprangert und rechtlich aufgearbeitet werden. Aber muss die Öffentlichkeit wirklich wissen, wie die US-Botschaft deutsche Politiker einschätzt?
Später haben Sie viele Jahre als politische Journalistin für die „Süddeutsche Zeitung" gearbeitet. Erinnern Sie sich aus eigner Erfahrung an einen Korruptionsskandal?
Es gab in Berlin Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre einige Bauskandale, an deren Aufdeckung gerade die überregionale Presse mitgewirkt hat. Sie hatte so etwas wie eine Kontrollfunktion in der geteilten Stadt. Aber als ich im Mai 1986 als Korrespondentin nach Berlin kam, war die Zeit der großen Bauskandale vorbei. Meine Tätigkeit als Berlinkorrespondentin war geprägt durch die rot-grüne Koalition mit der Frauenmehrheit im Senat und dann natürlich den Mauerfall. Mit Korruptionsskandalen war ich direkt nicht konfrontiert, der Berliner Bankenskandal und die von Korruption geprägte erste Ausschreibung für den Flughafen Schönefeld kamen später.
Wieder ein paar Jahre später haben Sie in Berlin die deutsche Sektion von Human Rights Watch aufgebaut und geleitet. Korruption verletzt die Menschenrechte. Können Sie uns ein Beispiel aus Ihrer Erfahrung geben?
Korruption begegnet einem im politischen Alltag nicht nur in Ländern, in denen demokratische Strukturen nicht gefestigt sind, wie das Beispiel Italien zeigt. Menschenrechtsorganisationen prangern sie vor allem in Ländern an, in denen sich die Bevölkerung nicht dagegen wehren kann, zum Beispiel in Nigeria. Human Rights Watch hat gerade wieder einen Bericht veröffentlicht über Korruption in der nigerianischen Polizei, die zu schweren Menschenrechtsverletzungen führt. Menschen werden erpresst, wer nicht zahlt, wird geschlagen, willkürlich verhaftet und manchmal sogar umgebracht.
Ihr Vater hat sich vor mehr als 20 Jahren in Kenia niedergelassen, und Sie haben drei kenianische Halbgeschwister, um die Sie sich intensiv kümmern. Welche Schlüsse ziehen Sie im Hinblick auf Korruptionsbekämpfung aus dieser persönlichen Nähe zu einem afrikanischen Entwicklungsland?
Mein Vater hat mir den Weg nach Afrika eröffnet. Mein Leben war bis dahin eher transatlantisch ausgerichtet. In Afrika habe ich dann erfahren, dass die USA und Europa mehr verbindet als trennt, wenn man sie aus der entwicklungspolitischen Perspektive betrachtet. Korruption begegnet einem in Afrika ständig und überall. Das beginnt mit dem Zollbeamten schon bei der Einreise und endet noch lange nicht bei dem Polizisten, der sein spärliches Gehalt durch einen Obolus von den Autofahrern aufbessern will. Ich habe auf einem Flug nach Mombasa einmal neben einem Ingenieur gesessen, der nur nach Kenia reiste, um dort den Maybach des damaligen Staatspräsidenten Daniel Arap Moi zu warten. Wir können uns in Europa oft nicht vorstellen, wie schamlos sich manche Politiker aus der Staatskasse bedienen. Die Landbevölkerung wird ohne Entschädigung vertrieben und enteignet, wenn wertvolle Mineralien gefunden werden, an deren Ausbeutung die Bevölkerung nicht beteiligt wird. Im kenianischen Bildungsministerium sind Millionen veruntreut worden, die für die Schulbildung der Kinder verloren gingen. Beim Straßenbau fließt oft mehr Geld in die Taschen korrupter Politiker als in die maroden Straßen. Wir sollten bei der Zusammenarbeit mit Schwellenländern unbedingt auf Transparenz achten und dafür sorgen, dass die Mittel für die angegebenen Zwecke ausgegeben werden, schwarze Kassen dürfen wir nicht dulden.
Die Fragen stellte Anke Martiny.
Dieses Interview ist im Scheinwerfer 52 (S. 33) vom Juli 2011 erschienen.

