Wirkungen von Korruption auf Mitarbeiter
Fallstudie zu Schäden durch Korruption
Ein mittelständisches Unternehmen für Hochspannungstechnik ist mit seinen Produkten weltweit vor allem bei Kunden aus der Energieversorgungsbranche bekannt. Lieferverträge werden meist erst nach sehr langwierigen Verhandlungen mit den Entscheidungsträgern der Kunden geschlossen.
Das Unternehmen lässt sich besonders auf den Märkten Osteuropa und Zentralasien oft aktiv auf korrupte Prozesse ein. Manchmal fordert die Zielgruppe der Korruption, die Verhandlungspartner oder deren Chefs in den staatlichen Konzernen, von sich aus ihren Anteil am Vertragswert. Oft wird ihnen ein solcher Anteil in den Verhandlungen aber auch von vornherein angeboten, um das Geschäft in die gewünschten Bahnen zu lenken. Auch öffentliche Ausschreibungen werden so hinter den Kulissen vorbereitet und entschieden oder auch eingestellt und neu eröffnet, wenn die „falschen“ Lieferanten den Auftrag zu gewinnen drohen. Meist werden in die Angebote des Unternehmens Provisionen für Kickback-Zahlungen und für diese „Dienstleistung“ ein eigener Gewinnaufschlag einkalkuliert. Kosten für teure Geschenke an potentielle Kunden, wie aufwendige medizinische Behandlungen für die Geschäftspartner und deren Verwandte, für Reisen durch Deutschland, Hotelaufenthalte etc., werden ebenfalls in den Angeboten „versteckt“.
Der erhoffte Gewinn aus diesen Aktivitäten ist die Durchsetzung eigener Angebote gegenüber denen der Wettbewerber und die Erzielung hoher, nicht marktüblicher, Gewinne. Es muss erwähnt werden, dass Wettbewerber mit ähnlichen Methoden auf dem Markt arbeiten.
„Ich beklaue niemanden!“ lautet die überzeugte Aussage des Initiators, des Geschäftsführers, der damit sein fehlendes Unrechtsbewusstsein deutlich macht. Zum Einen entschuldigt er das korrupte Handeln mit den Gepflogenheiten des Marktes, die auch er nicht ändern könne, zum Anderen nutzt er diese „Gepflogenheiten“ bewusst für die Interessen seines Unternehmens: „Ich muss intelligent handeln und das auf meinen Endpreis draufschlagen.“ Er weist Mitarbeiter zu entsprechenden Aktivitäten an und ignoriert gleichzeitig die Folgen seines Tuns für seine Mitarbeiter und sein Unternehmen.
Weitere Akteure und Aufgabenverteilung in den korrupten Geschäftsprozessen
Vertriebsmitarbeiter führen die Verhandlungen mit den Kunden, teilweise treffen auch sie die Absprachen zu den „Provisionen“. Sie erstellen die Angebote und es ist ihre Aufgabe, dabei die Bestechungsgelder einzukalkulieren.
Die Finanzbuchhaltung bearbeitet die relevanten Zahlungsvorgänge, ist somit ebenfalls an dem System der „Provisionszahlungen“ beteiligt.
Abteilungsleiter weisen ihre Mitarbeiter zu diesen Tätigkeiten an oder sehen sich genötigt diese anzuweisen, die korrupten Praktiken umzusetzen.
Die Folgen für die Mitarbeiter und für das Unternehmen
Viele Mitarbeiter haben wegen der korrupten Geschäftspraktiken persönliche Konflikte. Sie setzen deshalb wertvolle Energie und Gedanken bewusst oder unbewusst nicht für das Wohl des Unternehmens ein. Manche handeln gar gegen die Interessen des Unternehmens.
1. Mitarbeiter kündigen: Die negativen Konsequenzen für das Unternehmen sind Know-How-Verlust, im schlimmsten Fall sogar an den Wettbewerber, Imageschaden, Aufwand für die Personalbeschaffung und -entwicklung usw.
Beispiele:
Ein erfolgreicher Abteilungsleiter kündigte nach einer Dienstreise ins Ausland. Er sollte an einem großen Projekt mitwirken und wollte sich aber nicht an den korrupten Methoden beteiligen, denn er war stolz auf seine bisher transparente und ehrliche Zusammenarbeit mit Kunden. Er verließ das Unternehmen, weil er seinen Wertekonflikt nicht anders lösen konnte.
Ein weiterer Abteilungsleiter mit Vertriebsverantwortung hatte seine Mitarbeiter zunehmend zu Aufgaben anzuweisen, die eindeutig Korruptionshintergrund hatten. Da er dies ablehnte, wandte er sich mit entsprechenden Fragen an die Geschäftsführung. Er wurde von dieser als zu idealistisch bezeichnet und über die Notwendigkeit solchen Vorgehens „belehrt“. Dieser Abteilungsleiter kündigte ebenfalls.
2. Mitarbeiter entwickeln eigene Korruptionspraktiken: Einige Mitarbeiter lernen die Geschäftsmethoden anzuwenden, gelegentlich zum eigenen Nutzen und zum Schaden ihres Unternehmens. Dadurch werden sie schwer kontrollierbar.
Beispiele:
Bereitwillig mitwirkende Mitarbeiter lockte Lob, Erfolg und Karriere. Sie profitierten von ihrer Mitwirkung an korrupten Handlungen. Sie fühlten sich angespornt, durch Bestechung große Projekte „an Land zu ziehen“, mit deren Umsetzung das Unternehmen dann gelegentlich überfordert war und das deshalb teure „Rettungsmaßnahmen“ einleiten musste.
Ein Mitarbeiter im Auslandsbüro verstand die von der Geschäftsführung vorgelebten Praktiken als Freibrief und erhöhte seine persönlichen Provisionen durch eigene Preisaufschläge nochmals. Er offenbarte damit die Erosion der Wertebasis durch eine korrupte Kultur und die dadurch sinkende Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber.
3. Mitarbeiter reagieren mit innerer Emigration: Viele Mitarbeiter beschränken sich auf „Dienst nach Vorschrift“. Dies führt zu einem Verlust der Mitarbeiterkompetenz und damit der Innovationskraft und Wettbewerbsstärke des Unternehmens.
Beispiele:
Ein Verkäufer konzentrierte sich beim Kundenkontakt vor allem auf technische Fragestellungen und umging kommerzielle Themen, da er nicht einzuschätzen vermochte, welche Ziele die Geschäftsführung in gesonderten Verhandlungen verfolgte. Er schränkte also sein Engagement ein, tat nicht alles, was er für das Unternehmen tun konnte. Dieses profitierte somit nicht im möglichen Maß von seinen Fähigkeiten und seinem Potenzial.
Ein weiterer Mitarbeiter perfektionierte diese Einstellung, arbeitete nur noch nach detaillierter Anweisung und „schaltete eigenes Denken weitgehend aus“. Das machte es für seinen Vorgesetzten schwer, ihn zu führen und als wertvollen Mitarbeiter einzusetzen.
Stand: Juli 2008

