Der Beirat stellt sich vor: Marianne Birthler
Marianne Birthler gehörte 1986 zu den Gründungsmitgliedern des Arbeitskreises "Solidarische Kirche", der in der DDR für die Demokratisierung von Kirche und Gesellschaft eintrat. Sie war von März bis Oktober 1990 Sprecherin von Bündnis 90 in der letzten DDR-Volkskammer. Anschließend wurde sie in den Brandenburger Landtag gewählt und übernahm, bis zu ihrem Rücktritt aus Protest gegen die Stasiverstrickungen von Ministerpräsident Stolpe im Oktober 1992, die Leitung des Bildungsministeriums. Seit September 2000 ist Frau Birthler Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik.
Wann sind Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben mit Korruption konfrontiert gewesen, und was haben Sie sich damals gedacht?
Eigentlich fängt es ja schon damit an, dass bereits Kinder mit Geschenken und Versprechen zu Wohlverhalten veranlasst werden sollen. Den Begriff Korruption und das damit verbundene gesellschaftliche Problem kenne ich aber aus anderen Zusammenhängen, wahrscheinlich aus Filmen über die Mafia oder aus Berichten über Dritte-Welt-Staaten - es war jedenfalls ein Phänomen, das nicht viel mit Deutschland zu tun hatte.
Wo sehen Sie in Deutschland die größten Probleme, wenn es um Korruption geht?
Die Deutschen glauben, es gäbe in ihrem Land kaum Korruption. Es fehlt also vor allem an Problembewusstsein.
Spielt Korruption bei den Stasi-Akten auch eine Rolle? War sie verbreitet in der DDR?
Nicht unter diesem Begriff. Für Karriere und allerlei Vergünstigungen war aber politisches Wohlverhalten unbedingte Voraussetzung. Und die Westreisen der Künstler gab es auch nicht ganz umsonst.
Auch die Stasi hat für fleißige Mitarbeit gelegentlich Vorteile in Aussicht gestellt – Studienmöglichkeiten zum Beispiel. Im Alltag der DDR war Korruption auch an der Tagesordnung: Für Mangelartikel, Klempnertermine oder Autoreifen mussten die Leute schon "was springen lassen".
Was sollte die Bundesrepublik vor allem tun, um Korruption zu verhindern oder zu bekämpfen?
Aufklärung: Dazu gehört, dass bekannte Fälle skandalisiert werden, dass das Bewusstsein für die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen von Korruption gestärkt wird und dass Unbestechlichkeit als hoher Wert anerkannt wird.
Sollte Korruption in einem ethikbezogenen Unterricht eine besondere Rolle spielen?
Nicht nur im Ethik-Unterricht. Das Thema gehört auch zur Politischen Bildung und in den Geschichtsunterricht. Auch in Geografie und Literatur könnte das Thema spannend werden.
Welche Gründe haben Sie bewogen, sich für den Beirat von TI Deutschland zur Verfügung zu stellen?
Das Thema ist nicht nur interessant, sondern auch wichtig. Und Transparency International ist mittlerweile zu einer anerkannten Autorität geworden – das war vor 10 Jahren noch nicht denkbar! Korruption ist eine Gefahr für die Demokratie, unsere Gesellschaft nimmt Schaden daran. Es genügt also nicht, wenn sich nur Spezialisten mit diesem Thema beschäftigen. Wenn ich durch meine Mitarbeit im Beirat dazu beitragen kann, die Diskussion zu verbreitern und zu vertiefen, will ich das gern tun.
Dieser Artikel ist im Rundbrief 32 (S. 14f.) vom September 2005 erschienen.
